Miss Universe 2005:

Nicht vermisst, aber fragwürdig

Eigentlich kam der »Miss Universe«-Wettbewerb ja schon vor zwei Wochen zu seinem lange herbeigesehnten Ende. Zumindest bei einigen von uns. Einigen Bangkokern verursachte er nämlich bisweilen solche Kopfschmerzen, dass ich ihn in Quasinachwehen einfach noch einmal aufarbeiten muss. Der Zirkus, der darum gemacht wurde, war schlichtum lachhaft. Nun ist es ja nicht gerade so, als wären wir in Thailand unbedingt jungfräulich zu Schönheitswettbewerben eingestellt. Jeder noch so abgelegene Weiler beglückt uns in regelmässigen Abständen mit einer »Miss Mango«, einer »Miss Papaya« oder irgendeiner anderen Fruchtkönigin. Wir sind also durchaus abgehärtet. Ja, es gibt gar eine »Miss Jumbo Queen«, die aus einer furchteinflössenden Phalanx von Siams überfütterten Mitgliedern des schwachen Geschlechts gekürt wird. Hierbei darf man zugeben, dass die Idee an sich ungleich einfallsreicher und witziger ist als die üblichen, langweiligen »Obstmissen«.

Aber »Miss UNIVERSE«? Also, bitteschön, was gibt uns arroganten Erdlingen das Recht, ein weibliches Individuum aus unseren eigenen Reihen zur »Schönsten des Weltalls« zu machen? Man stelle sich vor, wir würden tatsächlich intelligentes Leben auf einem anderen Planeten entdecken. Das würde das Konzept der »Miss Universe« zweifelsohne aufmischen. In diesem Zusammenhang möchte ich auch gerne den bekannten Cartoonisten Bill Watterson zitieren: »Der einzig wahre Beweis dass intelligentes Leben im Universum existiert ist, dass die niemals versucht haben, mit uns in Kontakt zu treten.« Wobei wir auch wieder einmal mit Abgestossenheit feststellen durften, dass einige der teilehmenden Missen in der Tat nicht als Intelligenzbestien bezeichnet werden konnten. Von »Miss Germany« mussten wir zum Beispiel mit Entsetzen vernehmen, wie stolz sie auf Deutschland wäre, vor allem wegen der zahlreichen Biersorten dort, wie »Heinecken«.

Natalia Glebova

Solcherlei verbale Ergüsse taten uns natürlich keinen Abbruch, die delektaben Traumkörper der Missen eingehend zu begeifern. Obschon wir uns gelegentlich fragten, weshalb wenige der Teilnehmerinnen in den Ländern, die sie vertraten, gebürtig waren. Miss Germany war beispielsweise gebürtige Türkin, Miss England kam aus Kanada und die Dame, die als Miss Kanada letztendlich die begehrte Tiara aufgepflanzt bekam, tat den ersten Schrei ihres Lebens in Russland. Es ist wahrscheinlich ein eindeutiges Zeichen fortschreitender Globalisierung, dass es so weit kommen musste. Da stand sie also. Miss Natalia Glebova (siehe Foto), ehedem mit Borschtsch und Piroggen genährt, nunmehr waschechte Kanadierin und neueste Königin des Universums. Als Deutschsprachige hängen wir uns an solchen Kleinigkeiten auch gar nicht allzu sehr auf. Immerhin hat es Arnold Schwarzenegger, obgleich nach über 25 Jahren als US-Bürger immer noch mit österreichischem Akkzent nuschelnd, zum Gouveneur von Kalifornien gebracht. Alfredo Strössner und Hugo Banzer brachten es als Deutschstämmige sogar noch etwas weiter. Sie wurden dereinst zu den Militärdiktatoren von Paraguay und Bolivien, respektive. Nur Arnie wurde zum “Mister Universum” gekürt. Ob er an diese zweifelhafte Ehre heutzutage noch erinnert werden möchte ist fraglich.

In Thailand wird uns die Ehre, das Spektakel als Gastgeber veranstalten zu dürfen, allerdings noch sehr lange in Erinnerung bleiben. Man gab sich in offiziellen Kreisen gar äusserst ekstatisch, denn man sah den Wettbewerb als todsichere Methode, das Land wieder auf die Welttourismuskarte zu bringen. “Der Miss Universe-Wettbewerb ist genau was Thailand brauchte, um Touristen nach der Tsunamikatatstrophe des letzten Jahres wieder ins Land zu locken,” ergoss sich unser allwissender Führer Thaksin Shinawatra dementsprechend. Wie bitte? Klar, so muss es wohl sein. Das Königreich muss sich sicherlich darauf einstellen, in unmittelbarer Zukunft von Thailandsüchtigen geradezu überschwemmt zu werden. Und das alles dank Miss Glebova und ihrer Waffenschwestern aus insgesamt 81 Ländern. Wie ist man bloss auf diese Schnapsidee verfallen? Vielleicht hatte die Prognose von Medienforschungsinsituten, bis zu zwei Milliarden weltweit würden das Spektakel als potentielle Zuschauer am Bildschirm mitverfolgen, etwas damit zu tun? Leider überlas man aber das kleine Wort “potentiell”. Wer sich als Kokafarmer in Kolumbien über Wasser hält und den Wettbewerb mit seiner zehnköpfigen Familie verfolgt, muss nicht unbedingt den unwiderstehlichen Wunsch (noch das nötige Kleingeld) haben, sich als Qualitätstourist an Thailands Stränden zu räkeln. Es mag etwas mehr zur Wiederbelebung der thailändischen Tourismusindustrie bedürfen als blindes Vertrauen in den Sexappeal von Miss Glebova und Konsorten.

Das müssen auch einige thailändische Zeitgenossen erkannt haben, die etwas weniger blauäugig als unsere Offiziellen durch die Gegend wandeln. “Das enorme Budget von 800 Millionen Baht für den Wettbewerb hätte man besser dafür verwendet, die Armut im Lande zu bekämpfen,” erklärte mir der Herausgeber des Inflightmagazins einer hiesigen Luftlinie. Eine Büroangestellte machte sich gar noch mehr Luft: “Millionen (von Menschen) leiden, Kriege werden überall auf der Welt ausgetragen, aber Thailand hat nichts besseres zu tun als Gastgeber für einen Wettbewerb zu spielen, den man bestenfalls als schwachsinnig bezeichnen kann.” Allerdings gab die Angestellte auch zu, dass sie die Krönungszeremonie am Bildschirm mitverfolgen würde. Um dem Topf den Deckel aufzusetzen, mokierte sich die Betreiberin meines nachbarschaftlichen Tante Emma-Ladens noch ungleich klarer. “I habe nicht genug Geld um all meine Kinder zur Schule zu schicken, und einige reiche Sponsoren vergeuden Millionen von Baht für so einen Affenzirkus,” äusserte sie sich. Eigentlich sagte sie ja “monkey school”, aber ich nehme an, dass sie eigentlich “Affenzirkus” meinte.

Solche Worte müssen den Hauptsponsor, die familenbetriebene Boonrawd Brewery Plc Ltd., Hersteller des bekannten Singha-Bier, wie ein Knüppel treffen. Gab man sich doch speziell in diesem Lager so äusserst beglückt, dass man dem Land durch selbstlosen Einsatz angehäufter Millionenbeträge aus der Tourismusbredouille helfen könnte. Was letztendlich selbstverständlich auch dem Umsatz von Singha nützlich sein dürfte. So engagiert war man, dass man es als unumgängliche, vaterländische Pflicht betrachtete, ein hochrangiges Familienmitglied auf die Liste der Wettbewerbsrichter zu setzen. Das war für einige zynische Journalisten etwas schwer nachzuvollziehen. Welche Qualifikationen erbringt eine Lady, deren morgendliche Hauptaufgabe darin besteht, ihren himmelhoch getürmten Kopfputz durch Versprühen von zwei Dosen Haarspray monsungeprüft zu machen, als Jurorin eines Schönheitswettbewerbs? “Es war ein gutes Investment zum Vorteil der Wiederbelebung des Tourismussektors,” tschirpte die Hi-So Dame ungerührt und ging auch flugs an ihre verantwortungsvolle Aufgabe. Der Preis für das beste Landeskostüm wurde Miss Thailand, der zukünftigen Pilotin Chananporn Rosjan, bedacht. Wallendes Gelächter ging durch die Reihen der respektlosen Journalisten und Korrespondenten. Miss Chananporn stach mit ihrem relativ einfachen, farblosen Kostüm im Stil der Ayutthayaperiode ihre sexy und fantasievoll gekleideten Gegnerinnen aus vier lateinamerikanischen Ländern sag-und klanglos aus. Wahrscheinlich lag es am grazil dargebrachten “Wai”. Es wurde nicht bekannt, ob Miss Chananporn als Pilotin für die private Flugesellschaft P.B. Air trainiert. Diese wird nämlich von eben jener Familie, der auch Singha Bier gehört, betrieben.

Nun möchte ich in keinem Falle anklingen lassen, dass die Preisvergaben von irgendeiner bestimmten Person auf der Jurorenbank beinflusst wurden. Es gab zwölf Richter, darunter auch zwei ehemalige “Miss Universe”-Gewinnerinnen aus Thailand, Apassara Hongsakul (1968) und Pornthip Nakhirunkanok Simon (1988). Die finale Krone ging denn auch an Miss Glebova. Wenn Sie geschickt ist, kann sie sich bestimmt einen Multimillionär angeln, so wie es ihr ihre thailändischen Vorgängerinnen vorgemacht haben. Von solchem Glück dürfen “Miss Mango” und “Miss Jumbo Queen” nur träumen. Für sie ist bestenfalls ein unterbezahlter Bankangestellter in Aussicht. Oder wie wäre es mit einem konstant am Hungertuch nagenden Journalisten? Eine natürliche Schönheitskönigin mit nicht allzuvielen Ansprüchen wäre mir lieber als eine überkanditelte Miss Universe. Ich bin nämlich kein Arnold Schwarzenegger. Lieber Arnold, bitte sehen Sie von einer Gerichtsklage gütigst ab. Sie haben in Ihrer “Mister Universellen” Weisheit sicherlich schlagartig erkannt, dass meine Kolumne als Satire konzipiert ist.

Zum Abschluss der Kolumne (und vor allem weil mich die Miss-Universe-Mär wirklich heiss gemacht hat) vielleicht noch einen kleinen Ausblick auf Thailands verdorbene Jugend. Es ist eine althergebrachte, wenngleich vielfach gescholtene Tradition an Universitäten, neue Studenten mit einer sogenannten “hazing ceremony” (Einführungszeremonie) einzunorden, bzw. zu “begrüssen”. Die Spielchen, die während solcher Zeremonien von älteren Studenten an den Neuankömmlingen vorgenommen werden, rangierten in der unmittelbaren Vergangenheit von unschuldigem Ringelpiez bis hin zu lebensgefährdenden Methoden. Die meisten sind dazu gedacht, die neuen Studenten der Beschämung auszuliefern, was, gemäss Befürwortern, dazu dient, ein etwas zweifelhaftes “Zugehörigkeitsgefühl” zu etablieren. Das führte vor nicht allzu langer Zeit mitunter zu Selbstmorden unter den Neuen. Einige wollten und konnten sich nach den Torturen einfach nicht eingliedern. Trotz Verbots durch das Erziehungsministerium hält sich die Tradition hartnäckig und die Methoden werden immer raffinierter. Ein Foto, kürzlich auf der infamösen Webseite www.pantip.com veröffentlicht, die angeblich auch als “Kontakthof” fungiert, zeigt weibliche Neustudenten bei der Ausübung simulierten, oralen Geschlechtsverkehrs mit älteren, männlichen Studenten (siehe Foto). Man fragt sich wirklich, was junge, thailändische Mädchen, die sich normalerweise ach so spröde geben, zu solchen Handlungen in der Öffentlichkeit unter dem Gelächter der Umstehenden veranlasst. Selbst als alter Bargänger war ich etwas geschockt und man kann den Behörden beileibe nicht vorwerfen, dass sie solche Aktivitäten, wenn schon nicht unterbinden, so doch zumindest kontrollieren wollen. Das Erziehungsministerium hat Eltern und umstehende Studenten dazu aufgerufen, die “Darsteller” zu entlarven. Falls das nicht geschieht (wie zu erwarten) wird man das ganze wieder einmal dem destruktiven, bösen Einfluss des Westens zuschieben. Ach ja, als Jugendlicher wird man eben immer missverstanden, obgleich das Land trotz unzureichender Sexualaufklärung und mittelalterlicher Moralvorstellungen noch immer eine der höchsten Geburtenraten der Welt aufweist. Oder gerade darum? Vielleicht wollen die auch alle nur zur zelebrierten “Miss Universe” oder “Miss Mango” werden. Wer weiss schon was in the Schönen dieser Welt vorgeht…

Thai students oral sex


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