Kapitel 39

Die Bewaffnung Zions

Sechs Jahre lang tobte der Krieg auf drei Kontinenten hin und her. Als er zu Ende ging, waren jene, die sich für die Sieger hielten, weiter von ihren Zielen entfernt als zu Kriegsbeginn, und während die Politiker im Siegestaumel schwelgten und schwangen, krähte der Hahn abermals. Drei Jahrzehnte zuvor hatte Präsident Wilson eingeräumt, dass die Ursachen und Ziele des Ersten Weltkriegs im Dunkeln lägen und dass die Staatsmänner hüben und drüben der Front buchstäblich dieselben Ziele verfolgten. Die Entwicklung gab ihm Recht. Die deutsche Führung beschloss, die Weltrevolution zu schüren; Oberst House wollte sie aktiv fördern; die Zionisten beließen ihr Hauptquartier in Berlin, solange sie an die Möglichkeit glaubten, dass ein siegreiches Deutschland eine jüdische „Heimstatt“ begründen würde, und wechselten die Fronten erst, als sich der Sieg der Westmächte abzuzeichnen begann.

Der Zweite Weltkrieg erbrachte einen erneuten Beweis dafür, dass Wilson mit seiner Einschätzung richtig gelegen hatte. Dass dieser Krieg überhaupt ausbrach, wurde nur dadurch möglich, dass die Weltrevolution dem neuen „Irren von Berlin“ – mit diesem Kosewort wurde Adolf Hitler ebenso betitelt wie vor ihm Wilhelm II. - in die Hände spielte; die von den beiden Diktaturen überrannten Völker vermochten keinen Unterschied zwischen der kommunistischen und der nationalsozialistischen Unterdrückung zu erkennen. Als sich die beiden totalitären Mächte gegeneinander wandten, setzte sich Roosevelts Sonderberater Hopkins, der mittlerweile in die Fußstapfen von Oberst House getreten war, für die Förderung der Weltrevolution ein, so dass der Sieg der Alliierten den Völkern nicht die ersehnte Freiheit brachte.

Hitler wollte die Juden aus Deutschland verdrängen; dasselbe Ziel verfolgte Richter Brandeis in den USA, der dekretierte, dass kein Jude in Deutschland leben dürfe. Churchill sprach sich dafür aus, drei oder vier Millionen Juden nach Palästina zu verpflanzen; den ersten Teil dieses Kontingents lieferte die vorgeblich antizionistische Sowjetunion.

Als sich der Rauch der Schlacht verzogen hatte, stellte sich heraus, dass der Krieg drei Hauptresultate gezeitigt hatte: Die Weltrevolution war mit westlicher Waffen- und Wirtschaftshilfe bis ins Herz Europas vorgedrungen; der Zionismus verfügte jetzt über bewaffnete Streitkräfte, mittels welcher er den erstrebten Staat in Palästina gewaltsam errichten konnte; nach dem Scheitern des Völkerbundes wurde mit der Gründung der Vereinten Nationen, die ihren Sitz in New York hatten, abermals die Vorstufe zu jener Weltregierung geschaffen, die Kommunisten und Zionisten gemeinsam anstrebten. Alle drei Ergebnisse waren von Beginn an geplant gewesen, auch wenn man die Völker hierüber in Unkenntnis ließ.

Neben dem offenen Krieg, jenem auf den Schlachtfeldern, hatte ein zweiter, für die breiten Massen unsichtbarer, aber nichtsdestoweniger entscheidender Krieg getobt, bei dem es darum ging, die Waffen, die Soldaten sowie die wirtschaftliche Macht des Westens zur Durchsetzung dieser drei Ziele einzusetzen. Hinter der spektakulären Kulisse des großen Völkerringens zeichnete sich immer deutlicher der „große Plan“ ab, der erstmals in den Weishaupt-Dokumenten enthüllt und dessen Existenz in den Protokollen der Weisen von Zion bestätigt worden war.

Nach Kriegsausbruch verfolgte die offizielle, vom Parlament abgesegnete britische Palästinapolitik das Ziel, das gescheiterte Experiment mit dem „Mandat“ zu beenden und die britischen Soldaten und Verwalter abzuziehen, nachdem sichergestellt worden war, dass alle beteiligten Parteien ein angemessenes Mitspracherecht beim Entscheid über die Zukunft des Landes besitzen würden. Da die Zionisten begriffen, dass sich in absehbarer Zeit keine britische Regierung dazu hergeben würde, den angestrebten Gewaltakt – die Vertreibung der palästinensischen Araber aus ihrer Heimat – selbst zu vollziehen, begannen sie sich zielstrebig zu bewaffnen, wobei ihnen der Krieg als Vorwand diente.

Fast unmittelbar nach Kriegsausbruch machte Chaim Weizmann Winston Churchill seine Aufwartung. Dieser bemerkenswerte Mann, dessen Name einer breiten Öffentlichkeit immer noch unbekannt war, hatte seit seiner ersten Unterredung mit Arthur Balfour vor dreiunddreißig Jahren immer stärkeren Einfluss auf die englischen und amerikanischen Politiker gewonnen. Weizmanns Person kann diese Staatsmänner unmöglich so sehr beeindruckt haben, dass sie sich von ihm herumkommandieren ließen; sein Erfolg lässt sich nur dadurch erklären, dass sie in ihm den Vertreter einer Kraft sahen, der sie sich nicht gewachsen fühlten – jener Kraft, die Dr. Kastein als „jüdische Internationale“ und Neville Chamberlain als „das internationale Judentum“ bezeichnet hat.

Nachdem Churchill, der zuvor ein Jahrzehnt lang kein politisches Amt bekleidet hatte, zum Flottenminister ernannt worden war, hätte man annehmen müssen, dass der Seekrieg seine Aufmerksamkeit voll in Anspruch nahm, aber Chaim Weizmanns Interesse galt ganz anderen Dingen. Er ließ Churchill wissen, dass die Zionisten beabsichtigten, „nach dem Krieg in Palästina einen Staat mit drei oder vier Millionen Juden zu begründen“; wenn wir seiner Darstellung Glauben schenken dürfen, erwiderte Churchill: „Jawohl, damit bin ich völlig einverstanden.“ Erst zwölf Monate früher hatte Churchill noch „eine feierliche Zusicherung“ an die Araber gefordert, dass Großbritannien die jüdische Einwanderung in geordnete Bahnen lenken und begrenzen werde. Heute, im Jahre 1956, gibt es in Palästina lediglich 1,6 Millionen Juden, die mit ihren arabischen Nachbarn de facto im Kriegszustand leben. Sollte sich diese Zahl tatsächlich verdoppeln oder verdreifachen, so verheißt dies nichts Gutes für die Zukunft; hierüber war sich Churchill offenbar im klaren gewesen, als er 1939 einer Beschränkung der jüdischen Einwanderung das Wort redete.

Zum Zeitpunkt seiner Begegnung mit Weizmann besaß Churchill noch keine Möglichkeit, auf die britische Palästinapolitik einzuwirken, aber Weizmann rechnete offensichtlich mit seiner baldigen Ernennung zum Premierminister. Anschließend begab sich der Zionistenführer nach Amerika, um seinen Plan Franklin Roosevelt vorzulegen. Seinen Ausführungen nach reagierte dieser „interessiert“, aber vorsichtig (damals standen Wahlen ins Haus, und Roosevelt wollte seine Chancen, ein drittes Mal zum Präsidenten gewählt zu werden, nicht unnötig gefährden). So kehrte Weizmann nach Großbritannien zurück, wo Chamberlain inzwischen als Premierminister von Churchill abgelöst worden war.

Die Situation erinnerte nun unverkennbar an jene des Jahres 1916. Der hauptsächliche Unterschied lag darin, dass damals von Lloyd George verlangt worden war, britische Armeen von der Westfront abzuziehen und nach Palästina zu überstellen, um dieses Land zum Nutzen und Frommen der Zionisten zu erobern – was er auch tat -, während Churchill lediglich den Auftrag erhielt, den Zionisten britische Waffen zur Verfügung zu stellen, mit denen sie sich Palästina untertan machen konnten. Er tat sein Möglichstes, um diese Forderung zu erfüllen; gewissen Zusätzen zu seinen Kriegserinnerungen lässt sich entnehmen, dass er in den fünf Monaten vor seinem nächsten Treffen mit Weizmann unter zionistischem Druck stand.

Als Winston Churchill am 10. Mai 1940 zum Premierminister gewählt wurde, stand Frankreich vor dem Zusammenbruch, und die britischen Inseln waren auf sich allein gestellt; das Expeditionskorps in Frankreich befand sich in schwerer Bedrängnis, und nur seine Luftwaffe sowie seine Flotte schützten England vor einer Invasion. Am 23. Mai teilte Churchill seinem Kolonialminister Lord Lloyd mit, die britischen Truppen müssten aus Palästina abgezogen und die Juden „so rasch wie möglich zu ihrer Selbstverteidigung bewaffnet und angemessen organisiert werden“. Diese Anweisung wiederholte er am 29. Mai (zu einem Zeitpunkt, wo die Evakuierung der britischen Expeditionsstreitkräfte bei Dünkirchen in vollem Gange war) sowie am 2. Juni. Am 6. Juni beklagte er sich darüber, dass seine Anordnungen beim Militär auf Opposition stießen, und Ende Juni rügte er das unbotmäßige Verhalten zweier Minister, insbesondere Lord Lloyds, den er als „überzeugten Antizionisten“ bezeichnete. „Ich wünschte die jüdischen Siedler zu bewaffnen“, hielt Churchill fest. Er betrachtete die Frage nach der Bewaffnung der Juden in Palästina also keinesfalls vom Standpunkt des nationalen Interesses aus; für ihn war lediglich von Bedeutung, ob jemand „prozionistisch“ oder „antizionistisch“ war.

Churchill ließ sich durch den Widerstand, der ihm entgegenschlug, nicht beirren und bemerkte gegenüber Lord Lloyd, die vielen Soldaten, die England in Palästina stationiert hatte, seien „der Preis für die antjüdische Politik, die seit Jahren betrieben wird“ (gemeint war die Politik, die er in seinem Weißbuch von 1922 selbst vorgeschlagen hatte).

Falls die Juden angemessen bewaffnet würden, argumentierte er jetzt, könnten britische Truppen aus Palästina abgezogen und anderswo eingesetzt werden; es bestehe nämlich „keine Gefahr, dass die Juden die Araber angreifen“. Churchill war nicht gewillt, das Parlament über den Standpunkt der für die Palästinapolitik zuständigen Minister aufzuklären: „Ich kann mich nicht hinter die Antwort stellen, die Sie für mich entworfen haben.“

In jenen Tagen wurden Waffen in England mit Gold aufgewogen. Die in letzter Minute aus Frankreich evakuierten Truppen besaßen keine schweren Waffen und waren völlig desorganisiert. Churchill selbst hielt fest, das es auf der ganzen Insel kaum 500 Feldgeschütze und 200 Panzer aller Modelle und Altersklassen gab; ein paar Monate später bat er Roosevelt dringend um 250.000 Gewehre für „ausgebildete und uniformierte Männer“, die keine solchen besaßen. Ich selbst bin damals auf der Suche nach einer Handfeuerwaffe von einem Ort zum anderen gepilgert und konnte zu guter Letzt wenigstens eine vierzig Jahre alte Pistole auftreiben, die man nach jedem Schuss nachladen musste. Churchills pathetische Rede, in der er verkündete, dass die Engländer auf Stränden und Straßen kämpfen und sich nie und nimmer ergeben würden, beeindruckten mich nur mäßig, wusste ich doch, dass dieses Wortgetöse uns nicht weiterhelfen würde, wenn es dem Feind gelang, auf britischem Boden zu landen und sich dort festzusetzen: Mit bloßen Händen können Soldaten schließlich nicht gegen Panzer kämpfen. Der Mangel an Waffen war schlechthin katastrophal. Hätte ich damals erfahren, dass Churchill unter diesen Umständen so hartnäckig auf der Bewaffnung der Zionisten in Palästina bestand, wäre ich höchst bestürzt gewesen.

Im August 1940, als sich Churchill das nächste Mal mit Weizmann traf, war die Invasionsgefahr bereits am Abklingen. Weizmann regte jetzt die Bildung einer 50.000 Mann starken zionistischen Armee an, und im September legte er dem britischen Premierminister ein Fünfpunkteprogramm vor, dessen zentraler Punkt in der „Rekrutierung einer größtmöglichen Zahl von Juden in Palästina zum Kampf“ bestand. Weizmanns Darstellung zufolge stimmte Churchill diesem Programm bei.

Wie Sir William Robertson, Edwin Montague und viele andere während des Ersten Weltkriegs stemmte sich Lord Lloyd der prozionistischen Politik seiner Regierung nach Kräften entgegen, doch schon bald ereilte ihn dasselbe Schicksal wie vor ihm andere Männer, die ihre Pflicht gegenüber ihrem Land zu erfüllen trachteten: Er schied 1941 im Alter von erst 62 Jahren jäh vom Lichte. In seine Fußstapfen traten andere verantwortungsbewusste Beamte und Soldaten, die ebenfalls ihr Bestes taten, um die Spitzenpolitiker zur Vernunft zu bringen. Weizmann musste verbittert konstatieren, dass trotz der Unterstützung, die Churchill der zionistischen Sache angedeihen ließ, „noch volle vier Jahre vergehen sollten, bis die Jüdische Brigade im September 1944 offiziell gegründet wurde“. Für diese Verzögerung machte er den hartnäckigen Widerstand von „Experten“ (so seine Wortwahl) verantwortlich. Churchill selbst hat sich sehr ähnlich geäußert: „Ich wollte die Juden in Tel Aviv bewaffnen… Dabei stieß ich auf allerlei Widerstand.“ („Die Juden in Tel Aviv bewaffnen“ wollte Churchill im Juni 1940, als die Schlacht um England unmittelbar bevorstand.)

Chaim Weizmann war offenbar der Ansicht, es sei an der Zeit, die Opposition gegen seine Pläne durch Druck von anderer Seite zu neutralisieren, denn im Frühling 1941 begab er sich ein weiteres Mal in die USA. Wie bereits im Ersten Weltkrieg war sein Beitrag zu den britischen Kriegsanstrengungen nominell wissenschaftlicher Art, wobei diesmal seine Kenntnisse auf dem Gebiet des Isopren als Vorwand dienten. Er selbst behauptet, seine Arbeit als Chemiker habe ihn „voll beansprucht“, doch in Wahrheit widmete er sich hauptsächlich anderen Dingen.

Da er Herr Dr. Chaim Weizmann war, konnte er den Atlantik auch in Kriegszeiten ohne Schwierigkeiten überqueren. In Amerika hatten seine Gesinnungsgenossen gründliche Vorarbeit geleistet.

Rabbiner Stephen Wise bearbeitete Präsident Roosevelt nicht minder intensiv, als er früher den (mittlerweile längst verstorbenen) Woodrow Wilson bearbeitet hatte, und bleute ihm unermüdlich ein, welche Pflichten er gegenüber dem Zionismus zu erfüllen hatte. Lassen wir Wise selbst zu Wort kommen:

„Am 13. Mai 1941 erschien es mir nötig, dem Präsidenten Berichte aus Palästina zuzustellen, die aus sicherer Quelle stammten, und ihn über die gefahrvolle Lage der unbewaffneten Juden aufzuklären. [Anfang 1933 hatten Wises „Berichte aus sicherer Quelle“, in denen ein erfundener „Pogrom“ geschildert wurde, den Anstoß zum Boykott deutscher Waren in New York gegeben] Der britischen Regierung musste klargemacht werden, wie enorm der Schock und wie verhängnisvoll die Auswirkungen auf die demokratische Sache sein würden, falls es aufgrund ihres Versäumnisses, die Juden angemessen zu bewaffnen und die Verteidigung Palästinas mit Kanonen, Panzern und Flugzeugen zu stärken, zu einer allgemeinen Schlächterei kommen sollte.“

Roosevelts Antwort lautete wie folgt: „Ich kann nichts weiter tun, als die Briten über unser ausgeprägtes Interesse an der Verteidigung Palästinas sowie unsere Sorge um den Schutz der dortigen jüdischen Bevölkerung in Kenntnis zu setzen und die britischen Streitkräfte im Rahmen meiner Möglichkeiten mit den materiellen Mitteln auszurüsten, mit denen ein maximaler Schutz Palästinas gewährleistet werden kann.“ Mit diesem Brief im Koffer begab sich Wise am nächsten Tag nach Washington, wo er, so Chaim Weizmann, „nach einer Besprechung mit hochrangigen Regierungsbeamten zuversichtlicher als zuvor war, dass man den Briten die Notwendigkeit klar machen würde, unserem Volk in Palästina ausreichende Bewaffnung (Kanonen, Panzer und Flugzeuge) zur Verfügung zu stellen… Vermutlich dank der Intervention Roosevelts hatte man den Grundsatz der Parität weitgehend aufgegeben.“ Der letzte Satz war eine Anspielung auf die Forderung britischer Verwaltungsbeamter,wenn England schon Waffen nach Palästina schicke, müsse es eine gleich große Zahl von Arabern und Zionisten bewaffnen; sogar Churchill hatte nichts gegen diesen Vorschlag einwenden können.

Der „unwiderstehliche Druck auf die internationale Politik“, den die zionistischen Führer in verschiedenen Ländern ausübten, war perfekt synchronisiert. Wenn man in London nicht schnell genug spurte, erfolgte aus Washington unweigerlich ein Wink mit dem Zaunpfahl; wären die Briten gefügiger gewesen als die Amerikaner, so hätte ein umgekehrter Prozess eingesetzt. Als Weizmann in den USA eintraf, war der Mechanismus dieses Spiels bereits gut geölt, und er konnte erfreut feststellen, dass die amerikanischen Spitzenpolitiker „wirkliche Sympathien für unsere zionistischen Ziele“ hegten.

Wie in London gab es freilich auch in Washington einen Wermutstropfen, der Weizmanns Freude ein wenig vergällte: Die für die Nahostpolitik verantwortlichen Beamten legten sich quer. „Die Schwierigkeiten gingen stets von den Experten im Außenministerium aus“, schrieb Weizmann selbst. Während die „Spitzenpolitiker“ anstandslos auf zionistischen Kurs einschwenkten, taten Minister und hohe Beamte in Washington ebenso wie amerikanische Professoren, Missionare und Geschäftsleute in Palästina alles, um ihrem Land den Albtraum einer Verwicklung in den nahöstlichen Krisenherd zu ersparen. Den für die US-Nahostpolitik zuständigen Beamten charakterisierte Weizmann mit denselben Worten wie Churchill seinen Minister Lord Lloyd: „Der Chef der Orientabteilung des amerikanischen Außenministeriums war ein erklärter Antizionist und Araberfreund.“ Dies liefert einen Hinweis darauf, aus welcher Ecke das politische Vokabular stammte, dessen sich die „Spitzenpolitiker“ hüben und drüben des Atlantischen Ozeans bedienten.

Da Weizmann begriff, dass Washington der ideale Ort war, von dem aus er den Druck auf London aufrechterhalten konnte, verlegte er seinen Wohnsitz Anfang 1942 dorthin. Ein Federstrich genügte, um ihn von der wissenschaftlichen Arbeit, die ihn in England angeblich „voll beansprucht“ hatte, zu entbinden: Roosevelt hatte nämlich herausgefunden, dass Herrn Dr. Weizmanns profunde Kenntnisse auf dem Gebiet der Herstellung von Kunstgummi für die Vereinigten Staaten schlicht und einfach unentbehrlich waren. Der amerikanische Botschafter in London, John G. Winant, roch Unrat und legte Weizmann nach seinem Eintreffen in den USA ernstlich ans Herz, sich „möglichst vollumfänglich der Chemie zu widmen“. Winant, der begriff, was gespielt wurde, war angesichts der möglichen Folgen der zionistischen Intrigen sehr besorgt. Schon bald darauf starb er unter tragischen Umständen. Seinen eigenen Worten zufolge hat Weizmann Winants Rat nur teilweise beherzigt. „Ich teilte meine Zeit fast gleichmäßig zwischen der Wissenschaft und dem Zionismus auf“, behauptet er. Falls dies zutrifft, hat er einen größeren Teil seiner Zeit der Chemie gewidmet, als jene, die ihn kannten, für möglich gehalten hätten.

Vor seiner Abreise aus England ließ er sich noch einmal an der Downing Street 10 blicken, wo er seit annähernd dreißig Jahren fast nach Belieben ein- und ausgegangen war, um sich „von Churchills Sekretär zu verabschieden“. Durch eine unergründliche Laune des Zufalls stolperte er dabei über Churchill selbst, der, immer nach Weizmann, folgendes sagte:

„Wenn der Krieg vorbei ist, möchte ich, dass Ibn Saud zum Herrn des Mittleren Ostens ernannt wird, zum Boss der Bosse, immer vorausgesetzt, er kann sich mit Ihnen einigen… Natürlich werden wir Ihnen helfen. Behandeln Sie diese Information vertraulich, aber sie können mit Roosevelt darüber reden, wenn Sie nach Amerika kommen. Es gibt nichts, was er und ich nicht schaukeln können, wenn wir nur wollen.“

Nach seiner Unterredung mit Churchill notierte Weizmann diese vertrauliche Information und gab die Notiz an den zionistischen Politsekretär weiter, mit der Anweisung, sie der zionistischen Exekutive bekanntzumachen, falls ihm, Dr. Weizmann, etwas Unerwartetes zustoße. Er veröffentlichte sie dann auch in seinem Buch.

Falls Churchill wirklich ernsthaft geglaubt hatte, Weizmann werde ihm helfen, einen Araber zum „Herrn des Mittleren Ostens“ zu machen, war er auf dem Holzweg, denn nach zionistischer Auffassung gebührt die Herrschaft über den Mittleren Osten einzig und allein dem Zionismus. Aus diesem Grund gab Weizmann Churchills Botschaft vorderhand nicht an Roosevelt weiter, sondern sprach gegenüber letzterem lediglich über seine wissenschaftliche Arbeit. Bei seinen Unterredungen mit anderen Entscheidungsträgern bestand er darauf, dass die USA „eine möglichst hohe Zahl von Flugzeugen und Panzern auf den Kriegsschauplatz entsenden“ müssten. Mit dem „Kriegsschauplatz“ war Afrika gemeint, von wo aus diese Waffen am einfachsten zu den Zionisten nach Palästina gebracht werden konnten. Damals begann eine enge Zusammenarbeit zwischen Weizmann und Henry Morgenthau junior, einem Angehörigen des inneren Kreises um Roosevelt, der Weizmann später, als die Entscheidung näherrückte, „besonders wertvolle Hilfe“ leisten sollte.

Zu jenem Zeitpunkt hatte Weizmann schon fast vierzig Jahre lang hinter den Kulissen gewirkt, wobei er regelmäßig tief in die Trickkiste griff, um seine Aktivitäten zu verschleiern. Die Geschichte kennt keinen vergleichbaren Fall. Bei einem späteren, besonders vertraulichen Treffen mit Roosevelt richtete er diesem schließlich Churchills Botschaft aus, die er seiner eigenen Darstellung zufolge allerdings bis zur Unkenntlichkeit abänderte. Churchill, sagte er, habe ihm versichert, nach Kriegsende werde sich „der Status der nationalen jüdischen Heimstatt ändern, und das Weißbuch von 1939 werde seine Gültigkeit verlieren“. Zwar behauptet er, diese Aussage habe Churchills „Plan“ wiedergegeben, doch entsprach sie nicht dem, was ihm Churchill aufgetragen hatte, auch wenn der britische Premierminister privat durchaus so gedacht haben mag. Bezeichnenderweise unterließ Weizmann jeden Hinweis auf Churchills Anregung, Ibn Saud zum „Herrn des Mittleren Ostens“ zu machen, falls er sich mit Weizmann einigen könne.

Weizmanns Darlegungen zufolge reagierte Roosevelt „vollkommen positiv“ auf Churchills „Plan“ (bzw. dessen verzerrte Wiedergabe durch Weizmann), was zionistischer Logik zufolge bedeutete, dass er nicht nur eine jüdische nationale Heimstatt, sondern einen jüdischen Staat befürwortete. Laut Weizmann brachte Roosevelt das Gespräch nun selbst auf Ibn Saud und bewies, dass er „über das arabische Problem Bescheid wusste“. Dass Churchill Weizmann eine Verständigung mit dem saudischen Monarchen empfohlen hatte, erwähnte der Zionistenführer gegenüber Roosevelt nicht. Wenn seine Darstellung der Unterredung den Tatsachen entspricht, betonte er ganz im Gegenteil, „dass wir unsere Sache nicht von der Zustimmung der Araber abhängig machen können“.

Dies widersprach der von Churchill angestrebten Kompromisslösung und lief darauf hinaus, dass ein Krieg mit den Arabern unvermeidlich war und Amerika die Zionisten in diesem Krieg unterstützen musste. Roosevelt beschränkte sich allerdings darauf, „mich abermals seiner Sympathien sowie seines Wunsches nach einer Lösung des Problems zu versichern“.

Dass sich Roosevelt bezüglich des „arabischen Problems“ bedeckt hielt, bietet Anlass zu Spekulationen. Seine Haltung hätte weitreichende Folgen haben können, wäre er zwei Jahre später nicht gestorben, nachdem er Ibn Saud kurz zuvor persönlich getroffen hatte. Was er in vorsichtigen Formulierungen sagte, und was er privat dachte, war 1943 allerdings nicht mehr besonders wichtig, weil die Entscheidung bereits gefällt worden war. Hinter den Kulissen, und unter dem Vorwand des Krieges in Europa, rollten damals die Waffenlieferungen an die Zionisten an, und dies bestimmte den künftigen Gang der Ereignisse. Fortan vermochte weder allfälliger halbherziger Widerstand der Spitzenpolitiker noch das Aufmucken der massivstem Druck ausgesetzten Nahostexperten die Zionisten daran zu hindern, in Palästina eine Zeitbombe zu legen, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vielleicht jäh explodieren wird.

Im Juli 1943 kehrte Weizmann nach London zurück. Er durfte sich sicher fühlen, dass der Druck aus Washington unvermindert anhalten würde.


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