Kapitel 34

Das Ende Lord Northcliffes

In den drei Jahren, die auf die Friedenskonferenz von 1919 folgten, stand Großbritannien vor einer dreifachen Aufgabe: Es musste seine Truppenpräsenz in Palästina aufrechterhalten, den Anschein erwecken, als hätten seine Soldaten dort eine ehrenhafte Aufgabe zu erfüllen, und sie zur Tarnung einer Tat benutzen, die reiner Meuchelmord war. Diese äußerst schwierige Aufgabe wurde mit Bravour gelöst. Wer sich in die zeitgenössischen Dokumente vertieft, gewinnt ein eindrückliches Bild von den Machenschaften, der sich die Regierung einer Großmacht zur Verwirklichung ihrer trüben Ziele bediente.

Nachdem der zionistische Anspruch auf Palästina bei der Versailler Friedenskonferenz abgesegnet worden war (was für die Masse der emanzipierten Juden des Westens, für die stellvertretend Sylvain Lévi genannt sei, einer schallenden Ohrfeige gleichkam), erfolgte bei der Konferenz von San Remo, wo die Siegermächte die Konkursmasse des osmanischen Reiches aufteilten, der nächste Schritt: Man griff die von Chaim Weizmann bereits 1915 gemachte listige Anregung auf, Palästina als „Mandatsgebiet“ von Großbritannien verwalten zu lassen. Da immer mehr Menschen den wahren Sinn dieser Maßnahme begriffen, wurde schon bald heftiger Widerspruch laut, doch Balfour beruhigte Weizmann: Die Proteste würden ungehört verhallen und sie würden „die bereits definitiv festgelegte Politik unter keinen Umständen beeinträchtigen“.

Solche auch später regelmäßig wiederkehrenden kryptischen Formulierungen lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass sich die Politik der Westmächte in dieser einen Frage nie und nimmer ändern wird und darf: Nationale Interessen, Ehre und ähnliche Erwägungen fallen hier nicht ins Gewicht. Mir ist kein anderer Fall bekannt, wo sich ein Staat ohne jede Rücksicht auf seine nationalen Interessen oder die öffentliche Meinung in einer zentralen Frage einzig und allein von einem unabänderlichen Dogma leiten ließe. Bei der Konferenz von San Remo machte Lloyd George kein Hehl aus seiner Sorge, der „Frost“ des Friedens könne vor der Verwirklichung des geheimen Plans einsetzen. „Sie dürfen keine Zeit verlieren“, mahnte er Chaim Weizmann. „Die Welt von heute ist wie die Ostsee vor einem Frosteinbruch. Im Moment herrscht Ruhe. Doch hat der Frost erst eingesetzt, werdet ihr mit den Köpfen gegen Eisblöcke prallen und auf ein neues Tauwetter warten müssen.“ Falls Lloyd George unter einem „neuen Tauwetter“ einen neuen Krieg verstand, so traf er damit ins Schwarze. Jedenfalls wurden die Balfour-Erklärung sowie der Entschluss, Großbritannien ein Mandat über Palästina einzuräumen, in San Remo bestätigt. Nun trennte nur noch ein einziger Schritt die Zionisten von ihrem Ziel: Der Völkerbund musste „Mandate“ erfinden, sich selbst das Recht zusprechen, allen möglichen Staaten Mandatsrechte zuzubilligen, und dann das einzige Mandat ratifizieren, das die Zionisten wirklich interessierte – jenes über Palästina.

Wie wir sehen werden, erfolgte dieser Schritt im Jahre 1922, aber bis es soweit war, legten sämtliche direkt betroffenen Gemeinschaften lebhaften Protest gegen die in San Remo beschlossene Politik ein. Hinter dieser standen drei Kräfte: Die ostjüdischen Drahtzieher, die hochgestellten „Philosemiten“, die Weizmann zwar verachtete, zugleich jedoch weidlich ausnutzte, sowie – unter dem Fußvolk – die sentimentalen Liberalen, für welche die Protokolle der Weisen von Zion nichts als Hohn und Spott übrig haben.

Andererseits war der Widerstand dermaßen massiv, dass der Plan unter normalen Umständen nicht den Hauch einer Chance gehabt hätte. Der Ablehnungsfront gehörten folgende Kräfte an:

  1. Die palästinensischen Araber;
  2. Die palästinensischen Juden;
  3. Der oberste Zionistenführer Amerikas (!);
  4. Die britischen Beamten und Soldaten in Palästina;
  5. Offizielle britische und amerikanische Beobachter;
  6. Ein großer Teil der Presse, die sich damals in solchen Fragen noch frei äußern konnte.

 

Nehmen wir jede dieser Kräfte nun etwas genauer unter die Lupe:

1) Die Araber begriffen von Anfang an, was ihnen bevorstand, denn sie kannten die Torah. „Die Bibel ist unser Mandat“, hatte Chaim Weizmann bei der Friedenskonferenz klargestellt. Die Palästinenser wussten Bescheid darüber, dass der „Gott der Juden“ seinem Volk allerlei Belohnungen, fremden Völkern aber nichts als Tod und Zerstörung verheißen hatte: „Wenn dich der HERR, dein Gott, ins Land bringt, in das du kommen wirst, es einzunehmen, und er ausrottet viele Völker vor dir her...., sieben Völker, die größer und stärker sind als du, und wenn sie der HERR, dein Gott, vor dir dahingibt, dass du sie schlägst, so sollst du an ihnen den Bann vollstrecken. Du sollst keinen Bund mit ihnen schließen und keine Gnade gegen sie üben… Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.“ (5. Mose 7; 1-3, 6).

Mit anderen Worten: Der Zionismus, und dessen Unterstützung durch den Westen, bedeutete für die Araber Palästinas nach einem zweitausendfünfhundert Jahre zuvor erlassenen Gesetz bestenfalls Vertreibung und Knechtschaft und schlimmstenfalls Ausrottung. Die Ereignisse des Jahres 1948 haben hierfür den Beweis erbracht. „Ihr habt zwei Weltkriege ausgefochten, um zu entdecken, was wir seit zweitausend Jahren wissen“, hatte König Ibn Saud dem US-Präsidenten Roosevelt Anno 1945 zugerufen, und drei Jahre später bewiesen die Zionisten mit ihren Taten, dass sie obige Passage aus der Torah blutig ernst nahmen. Vorher hatten es selbst antizionistische Juden nicht für möglich gehalten, dass ihre zionistischen Glaubensbrüder die wortwörtliche Erfüllung solcher Verheißungen anstrebten. 1933 hatte Bernard J. Brown die eben zitierte Stelle aus dem fünften Buch Mose mit Recht als Grund für die arabischen Ängste bezeichnet und hinzugefügt: „Natürlich versteht der ungebildete Araber nicht, dass der heutige Jude seine Bibel nicht wörtlich nimmt und gegenüber seinem Mitmenschen niemals so grausam wäre, aber er wird den Verdacht nicht los, dass, wenn die Juden ihren Anspruch auf Palästina mit ihrem geschichtlichen Recht auf dieses Land begründen, sie dies einzig und allein unter Berufung auf die Bibel tun können.“ Mr. Brown aus Chicago kannte die Khasaren nicht…

Dass die Balfour-Erklärung den palästinensischen Arabern die Wahrung ihrer „bürgerlichen und religiösen Rechte“ zusicherte, und dass Balfour diese Garantie 1920 öffentlich bekräftigte, beruhigte sie ebenso wenig wie Präsident Wilsons vierzehn Punkte, die ihnen „absolute Sicherheit für ihr Leben“ sowie „die Chance auf eine autonome Entwicklung“ in Aussicht stellten. Ohne über handfeste Beweise dafür zu verfügen, ahnten sie, dass Balfour, Lloyd George und Wilson Palästina ungeachtet ihrer öffentlich abgegebenen Versprechungen insgeheim den Zionisten versprochen hatten. Da sie die Torah kannten, schenkten sie auch folgender, 1922 ebenfalls

öffentlich abgegebenen Erklärung des damaligen Kolonialministers Winston Churchill keinen Glauben: „Es sind unautorisierte Stellungnahmen erfolgt, denen zufolge geplant sein soll, ein rein jüdisches Palästina zu schaffen. Dabei wurden Formulierungen laut wie 'Palästina soll so jüdisch werden, wie England englisch ist'“ (ein Seitenhieb auf Weizmann). „Die Regierung seiner Majestät betrachtet derartige Vorschläge als nicht durchführbar und verfolgt keine solchen Ziele. Zu keinem Zeitpunkt hat sie das Verschwinden oder die Unterwerfung der arabischen Bevölkerung, Sprache oder Kultur in Palästina auch nur erwogen.“ Während des Zweiten Weltkriegs hat Churchill als Premierminister haargenau jene Politik verfolgt, deren Existenz er 1922 dementierte, und nach dem Krieg hielt er auch als Oppositionsführer unbeirrt an dieser Linie fest.

2) Die damals bereits in Palästina ansässige jüdische Gemeinschaft (die man zu keinem Zeitpunkt nach ihrer Meinung gefragt hatte) war ausgesprochen antizionistisch eingestellt. Zu den ganz wenigen Zionisten und prozionistischen westlichen Politikern, welche die palästinensischen Juden zumindest oberflächlich kannten, gehörte Chaim Weizmann, der Palästina einen oder zwei kurze Besuche abgestattet hatte. Weizmanns Worten zufolge wussten die meisten russischen Juden „überhaupt nichts“ von dieser Gemeinde. Im Zeitraum von 1919 bis 1922 erfuhren die Zionistenführer erstmals, dass die palästinensischen Juden sie für „Heiden“, „Ungläubige“, „Ignoranten“ und „boshafte Menschen“ hielten. Wie alle Zionisten verschanzte sich Weizmann hinter dem Argument, er und seine Gesinnungsfreunde wünschten den Juden Palästinas nur das Beste ( „Wir waren nur darauf bedacht, die Verhältnisse, unter denen sie lebten, ein wenig modern und bequem zu machen“), war „sehr bestürzt“, als er sich gewahr wurde, welcher Abgrund diese Juden von den Zionisten trennte. Er betrachtete erstere als Hinterwäldler, welche die leidige Gewohnheit hatten, die amerikanischen Juden mit Beschwerden über die Zionisten zu bombardieren, und gab zu, dass gut und gerne 90% von ihnen für den Zionismus nicht das geringste übrig hatten. (Bezeichnenderweise erfuhr Weizmann von diesen Beschwerden von einem pflichtvergessenen britischen Zensor, der ihm die Briefe zeigte.) Dass nicht nur die palästinensischen Araber, sondern auch die palästinensischen Juden gegen das zionistische Projekt Sturm liefen, kümmerte die Politiker in Paris und San Remo nicht im geringsten.

3) 1919 besuchte Louis Brandeis das Land, das seit zwanzig Jahren der Anlass für sein wieder erwachtes Interesse am Judentum war. Was er dort vorfand, war für ihn ein herber Schlag, und er zog daraus folgenden Schluss: „Es wäre falsch, die Einwanderung zu fördern.“ Er regte an, die Zionistische Weltorganisation solle ihre Aktivitäten massiv einschränken oder sich womöglich gleich auflösen, und für die geplante Schaffung einer „jüdischen Heimstatt“ sollten künftig die zionistischen Organisationen der verschiedenen Länder zuständig sein. In anderen Worten: Die Zionisten sollten sich mit der Begründung eines „kulturellen Zentrums“ in Palästina zufrieden geben, das vielleicht eine Universität und ein paar Akademien sowie eine Anzahl zusätzlicher jüdischer Bauernhöfe umfasst hätte, wobei die wenigen Juden, die aus freiem Willen nach Palästina auszuwandern wünschten, eine angemessene finanzielle Unterstützung erhalten würden. Dieses Konzept lief auf eine Absage an das Konzept einer separaten jüdischen Nationalität und eines jüdischen Nationalstaates hinaus und war für die Zionisten nackter Verrat. Chaim Weizmann meint, mit seinen Vorschlägen habe Brandeis die alte Kluft zwischen „Ost“ und „West“, zwischen „Ostjuden“ und emanzipierten „Westjuden“, zwischen „Washington“ und „Pinsk“ wieder aufgerissen. (Dass Weizmann ausgerechnet diese russische Stadt nannte, war keineswegs ein Zufall, sondern eine bewusste Anspielung auf den feurigen Zionisten Leo Pinsker.) Die ostjüdischen Zionisten drückten Louis Brandeis so mühelos an die Wand wie dereinst Theodor Herzl. Brandeis hatte die eben resümierten Vorschläge übrigens 1921 bei einem amerikanischen Zionistenkongress in Cleveland gemacht. Weizmann widersprach ihm vehement; er beharrte auf der Errichtung eines „nationalen Fonds“ (was im Klartext bedeutete, dass die selbsternannte Regierung einer jüdischen Nation das Recht erhalten sollte, von den Mitgliedern der zionistischen Organisationen obligatorische Beiträge einzutreiben). Wie Herzl Anno 1903 war auch Brandeis achtzehn Jahre später darum chancenlos, weil die amerikanische und die britische Regierung unbeirrt hinter den ostjüdischen Zionisten standen. Der „gewählte“ Kongress (falls von einer Wahl überhaupt die Rede sein konnte, hatten sich allenfalls zehn Prozent der amerikanischen Juden daran beteiligt) stellte sich hinter Weizmann, und Brandeis zog den Kürzeren.

4) Die britischen Soldaten und Beamten in Palästina begriffen, dass man von ihnen Unmögliches erwartete. Sie gehörten einem Menschenschlag an, der größere Erfahrung in der Verwaltung überseeischer Gebiete besaß als jeder andere in der Geschichte; sowohl diese Erfahrung als auch ihr Instinkt ließ sie ahnen, dass die ihnen gestellte Aufgabe nicht zu bewältigen war. Sie hatten immer wieder bewiesen, dass sie es verstanden, ein Land so zu regieren, dass sich keine seiner einheimischen Bevölkerungsgruppen benachteiligt fühlte, und waren sich bewusst, dass es ein Ding der Unmöglichkeit war, ein Land gerecht zu regieren und Unruhen zu vermeiden, wenn man das Einsickern fremder Eindringlinge duldete und es ihnen erlaubte, die einheimische Bevölkerung an die Wand zu drücken. In Protestbriefen an die Regierung in London verliehen diese Männer ihren Befürchtungen Ausdruck, doch ihre Proteste verhallten bis zum bitteren Ende ungehört. Die Araber, die von Anfang an begriffen hatten, was ihnen blühte, setzten sich ab 1920 mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die jüdische Einwanderung zur Wehr; es kam fortwährend zu Unruhen und Aufständen. Diese dauern bis zum heutigen Tage an und werden erst dann ein Ende nehmen, wenn entweder die legitimen Forderungen der Palästinenser erfüllt sind oder das gesamte palästinensische Volk durch brutalen Terror zu dauerhaftem Schweigen verurteilt sein wird.

5) Da die führenden Politiker in London und Washington um jeden Preis entschlossen waren, Palästina den Zionisten zu überantworten, ohne sich auch nur im geringsten um Proteste, die öffentliche Meinung oder irgendwelche Ratschläge zu scheren, mag man sich fragen, warum Präsident Wilson und Lloyd George überhaupt Untersuchungskommissionen in jenes Land entsandten. Falls diese beiden Männer gehofft hatten, die Kommissionen würden sich hinter ihre Pläne stellen, täuschten sie sich gründlich, denn die Ermittler bekräftigten lediglich, was die in Palästina ansässigen Araber, Juden und Briten einstimmig bestätigt hatten. Die 1919 von Wilson entsandte Kong-Crane Commision hielt fest, die Zionisten strebten die „praktisch vollständige Enteignung der gegenwärtigen nichtjüdischen Einwohner Palästinas“ an. Zwar fügte die Kommission hinzu, die Zionisten gedächten dieses Ziel durch „verschiedene Formen des Kaufs“ zu verwirklichen, doch die von ihr befragten britischen Offiziere, die über größere Erfahrung verfügten, ließen keinen Zweifel daran aufkommen, dass sich das zionistische Programm „einzig und allein durch Waffengewalt“ verwirklichen ließ. 1921 schickte Lloyd George die sogenannte Haycraft Commission nach Palästina; diese berichtete, der eigentliche Grund für die damals einsetzenden Unruhen bestehe darin, dass die Araber mit Recht argwöhnten, die Zionisten wollten Palästina unter ihre Kontrolle bekommen.

6) Das weitaus größte Hindernis für die Verwirklichung der zionistischen Ziele war die objektive Berichterstattung der Presse über die Entwicklung in Palästina; in zahlreichen Leitartikeln wurde der Zionismus heftig attackiert. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs konnte es sich keine amerikanische und keine britische Regierung leisten, die Meinung einer seitens der Presse wahrheitsgemäß informierten Öffentlichkeit einfach in den Wind zu schlagen. Die (in den Protokollen der Weisen von Zion vorausgesagte) Korrumpierung der Presse begann mit der während des Ersten Weltkriegs eingeführten Zensur; wie wirksam die hinter den Kulissen wirkenden Mächte kritische Stimmen unterdrückten, hatten die Fälle Oberst Repingtons, H. A. Gwynnes und Robert Wiltons in den Jahren 1917 und 1918 eindrücklich unter Beweis gestellt. Erfahrenen Korrespondenten wurde ein Maulkorb angelegt, so dass manche von ihnen sich gezwungen sahen, ihre Erkenntnisse in Form von Büchern niederzulegen, weil ihre Berichte ignoriert, verfälscht oder unterdrückt wurden; ein Herausgeber, der einen unerwünschten kritischen Beitrag unzensiert veröffentlicht hatte, kam dafür vor Gericht. In den Jahren von 1919 bis 1922 gab es keine Zensur mehr, und die Zeitungen kehrten in ihrer übergroßen Mehrheit zu ihrer früheren Praxis der wahrheitsgetreuen Berichterstattung zurück. Somit war der Zustand der Vorkriegszeit wiederhergestellt, als die Regierungen nicht einfach schalten und walten konnten, wie es ihnen beliebte; hätte dieser Zustand angedauert, so hätte das zionistische Projekt unweigerlich Schiffbruch erlitten, denn hätte die Öffentlichkeit Einblick in die zionistischen Machenschaften gewonnen, so hätte sie ihnen Einhalt geboten. In anderen Worten: Zum damaligen Zeitpunkt, wo das britische Mandat noch nicht ratifiziert war, konnten die Zionisten ihr Ziel nur erreichen, wenn es ihnen gelang, jede kritische Berichterstattung durch die Presse abzuwürgen und zu verhindern, dass für sie genierliche Fakten an die Öffentlichkeit gelangten. Just damals traf nun ein Ereignis ein, welches eben diesen Effekt hatte. Aufgrund seiner tiefgreifenden Auswirkungen und der außergewöhnlichen Umstände, unter denen es sich abspielte, erfordert dieses Ereignis, auf das der Titel des vorliegenden Kapitels anspielt, eine ausführliche Analyse.

In den Plänen der Verschwörer spielte England damals eine Schlüsselrolle, und der energische Lord Northcliffe, geborener Alfred Harmsworth, verfügte in jenem Land über ungemein großen Einfluss. Lord Northcliffe, ein stämmiger Mann mit einer dunklen, an Napoleon gemahnenden Stirnlocke, war Eigentümer der beiden meistgelesenen Tageszeitungen des Landes sowie verschiedener Zeitschriften; außerdem war er der Hauptinhaber der Londoner Times. Somit besass er tagtäglich direkten Zugang zu Millionen von Menschen. Er zeichnete sich durch geschäftliche Tüchtigkeit aus und war zugleich ein Herausgeber von Format, mutig, kämpferisch und patriotisch. Mit seiner Unterstützung gewisser Anliegen mochte er zwar schief liegen, aber er war unabhängig und nicht käuflich. In gewisser Hinsicht erinnerte er an Randolph Hearst und Oberst Robert McCornick in den USA; wie diese beiden Männer ließ er sich auf vieles ein, um die Auflage seiner Zeitungen zu steigern, doch ohne je gegen die nationalen Interessen seines Landes zu verstoßen. Blasphemische, obszöne, verleumderische und landesverräterische Artikel duldete er in seinen Blättern nicht. Er ließ sich von niemandem ins Bockshorn jagen und war in England eine politische Kraft, die keiner ungestraft ignorieren durfte.

Den ostjüdischen Verschwörern war Lord Northcliffe aus zwei Gründen ein Dorn im Auge. Im Mai 1920 ließ er in der Times den in einem früheren Kapitel erwähnten Artikel über die Protokolle der Weisen von Zion abdrucken. Sein Titel lautete: „Die Jüdische Gefahr. Eine beunruhigende Schrift. Ruf nach Untersuchung.“ Der Beitrag schloss mit folgenden Worten: „Eine unparteiische Untersuchung dieser angeblichen Dokumente und ihrer Geschichte ist höchst wünschenswert… Sollen wir die ganze Angelegenheit ungeprüft hinnehmen und nichts unternehmen, um den Einfluss eines solchen Buchs widerstandslos hinzunehmen?“

1922 trat Lord Northcliffe in Begleitung des Journalisten J. M. N. Jeffries eine Reise nach Palästina an. (Jeffries schrieb später ein Buch mit dem Titel Palestine. The Reality, welches die damalige Lage in jenem Land mit unübertroffener Klarheit umriss.) Northcliffe und Jeffries waren ein Tandem ganz anderen Kalibers als die Herausgeber der Times und des Manchester Guardian, die Leitartikel über Palästina schrieben, ohne dieses Land je besucht zu haben, und sich dabei vom Zionistenhäuptling Chaim Weizmann beraten ließen. Nachdem sich Lord Northcliffe persönlich ein Bild von den Verhältnissen in Palästina gemacht hatte, gelangte er zur selben Schlussfolgerung wie alle anderen unparteiischen Untersucher vor ihm; er schrieb: „Meiner Meinung nach haben wir, ohne die Tragweite dieser Entscheidung gebührend zu überdenken, Palästina den Juden als Heimstatt zuerkannt, obschon hier 700.000 arabische Moslems leben, denen dieses Land gehört…. Die Juden schienen den Eindruck zu haben, ganz England habe die Sache des Zionismus auf seine Fahnen geschrieben und sei Feuer und Flamme für diese: ich sagte ihnen, dass dies keineswegs der Fall ist, und warnte sie davor, unsere Leute vor den Kopf zu stoßen, indem sie heimlich Waffen importieren, um gegen 700.000 Araber zu kämpfen… In Palästina stehen unruhige Zeiten ins Haus… die Leute wagen es nicht, den Juden hier die Wahrheit zu sagen. Sie haben sich von mir einige Wahrheiten anhören müssen.“

Indem er diese Wahrheit laut aussprach, stieß er die Zionisten zum zweiten Mal vor den Kopf. Er hatte sich bereits auf verbotene Pfade begeben, indem er eine „Untersuchung“ über die Ursprünge der Protokolle der Weisen von Zion verlangte. Dazu kam, dass ihm die Möglichkeit offenstand, diese Wahrheit in seinen auflagestarken Zeitungen zu verbreiten. Dies machte ihn in den Augen der Verschwörer brandgefährlich. Der Mann, der ihn zur Strecke bringen sollte, war Wickham Steed, der Herausgeber der Times, von dem Chaim Weizmann berichtet hat, dass er ein bedingungsloser Unterstützer des Zionismus war.

Lord Northcliffe war sehr daran gelegen, die Wahrheit über Palästina in der Times verbreiten zu können, doch der Haken bestand darin, dass er nicht der einzige Eigentümer, sondern lediglich der Haupteigentümer dieser Zeitung war. Während seine eigenen Blätter seine Artikelserie über Palästina abdruckten, legte sich die Times quer. Obwohl sich Wickham Steed über die Zukunft Palästinas die Finger wund geschrieben hatte, lehnte er es ab, sich persönlich dorthin zu begeben, und sperrte sich gegen den Abdruck antizionistischer Artikel in der Times. All diese Fakten, sowie die im folgenden dargelegten, werden in der 1952 erschienenen Offiziellen Geschichte der Times erstaunlich unverblümt dargestellt. Der Offiziellen Geschichte lässt sich entnehmen, dass es Wickham Steed „vermied“, der Bitte Lord Northcliffes stattzugeben und Palästina zu besuchen. Demselben Dokument zufolge reagierte Wickham Steed nicht auf ein Telegramm Lord Northcliffes, in dem ihn dieser ihn zur Veröffentlichung eines Leitartikels aufgefordert hatte, in dem Balfours Einstellung gegenüber dem Zionismus kritisiert werden sollte.

Bei den folgenden Ausführungen bitten wir den Leser, den Daten besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Im Mai 1920 ließ Lord Northcliffe in der Times den bereits erwähnten Artikel über die Protokolle der Weisen von Zion publizieren. Anfang 1922 trat er seine Reise nach Palästina an und schrieb dort eine Reihe von Artikeln zur Palästinafrage. Am 26. Februar verließ er Palästina, nachdem er den Herausgeber der Times vergeblich um einen Leitartikel gegen den prozionistischen Lord Balfour gebeten hatte. Zutiefst erbost über die Insubordination Wickham Steeds, berief er am 2. März 1922 eine Sitzung der Redaktion ein, bei der er den unbotmäßigen Herausgeber scharf attackierte. Er verlangte dessen Rücktritt und war bass erstaunt, dass Wickham Steed dieser Aufforderung nicht Folge leistete, sondern sich bei einem Anwalt erkundigte, welches Ausmaß an Provokation eine Entlassung rechtmäßig mache. Der betreffende Anwalt war kein anderer als Lord Northcliffes eigener Rechtsberater. Dieser teilte Wickham Steed am 7. März mit, sein Mandant sei „abnormal“, „nicht imstande, normal zu arbeiten“ und werde seinem Aussehen nach „vermutlich nicht mehr lange leben“; deshalb tue Wickham Steed gut daran, auf seinem Posten zu verharren!

Nun suchte Wickham Steed Lord Northcliffe im französischen Pau auf. Nach der Unterredung zwischen den beiden Männern gelangte der Herausgeber am 31. März seinerseits zum Schluss, Lord Northcliffe sei „ abnormal“, und teilte einem der Times -Herausgeber brieflich mit, der Lord sei „drauf und dran, verrückt zu werden“.

Da diese Behauptung von einem Mann stammte, den der Geschmähte aus seiner Position zu entfernen gedachte, darf man sie selbstverständlich nicht ungeprüft hinnehmen; deshalb ist es von großer Bedeutung, wie sich andere Personen während jener Zeit über Lord Northcliff äußerten. Am 3. Mai nahm dieser in London an einem Abschiedsessen zu Ehren des in den Ruhestand tretenden Herausgebers eines seiner Blätter teil, wobei er „in guter Form“ war. Am 11. Mai hielt er vor der Empire Press Union „eine „ausgezeichnete und eindrückliche Rede“, so dass „die meisten Leute, die ihn für abnormal gehalten hatten, zur Ansicht gelangten, sie hätten sich geirrt“. Einige Tage darauf wies er den verantwortlichen Direktor der Times telegraphisch an, für die Entlassung des Herausgebers zu sorgen. Der verantwortliche Direktor sah in diesen Anweisungen „nichts Abnormales“ und „machte sich nicht die geringsten Sorgen um Northcliffes Gesundheit“. Ein anderer Direktor, der ihn am 24. Mai persönlich traf, bekam den Eindruck, er habe „genauso gute Chancen, alt zu werden, wie er selbst“, und bemerkte „an Northcliffes Benehmen und seinem Erscheinungsbild nichts Ungewöhnliches“.

Am 8. Juni ersuchte Lord Northcliffe Wickham Steed von Boulogne aus um eine Unterredung in Paris, die drei Tage darauf, am 11. Juni, stattfand. Der Lord ließ seinen Besucher wissen, dass er selbst dessen Nachfolge als Herausgeber der Times anzutreten gedachte. Am 12. Juni reisten die beiden Männer gemeinsam nach Evian-les-Bains. Wickham Steed hatte dafür gesorgt, dass ein Arzt bis zur Schweizer Grenze mitfuhr. Nachdem sie in der Schweiz angelangt waren, wurde ein ungenannter „brillanter französischer Nervenarzt“ hinzugezogen, der Lord Northcliffe am Abend desselben Tages für geisteskrank erklärte. Unter Berufung auf diese Diagnose wies Wickham Steed die Times telegraphisch an, nichts von Lord Northcliffe zu publizieren und seine Instruktionen zu ignorieren. Am 13. Juni reiste Wickham Steed ab; er sollte Northcliffe nie wieder sehen. Am 18. Juni kehrte der Lord nach London zurück, wo er feststellen musste, dass man ihn nicht nur jeder Kontrolle über seine Blätter, sondern sogar der Möglichkeit beraubt hatte, mit seinen Untergebenen in Verbindung zu treten; seine Telefonleitung war durchschnitten worden. Vor dem Eingang zu den Büros der Times hatte man Polizisten postiert, um Northcliffe am Zutritt zu hindern. Laut der Offiziellen Geschichte der Times geschah all dies aufgrund eines Gutachtens, das ein ungenannter französischer Arzt in einem fremden Land, der Schweiz, erstellt hatte. Am 14. August starb Lord Northcliffe im Alter von 57 Jahren; als Todesursache wurde eine Herzinnenhautentzündung angegeben. Die Begräbnisfeier fand in Westminster Abbey statt; eine große Schar trauernder Zeitungsherausgeber gab sich an Northcliffes Sarg ein Stelldichein.

Soweit die offizielle Darstellung. Zum damaligen Zeitpunkt wusste nur eine kleine Zahl von Personen über die Fakten Bescheid, und man musste sich drei Jahrzehnte gedulden, bis die Offizielle Geschichte der Times damit herausrückte. Hätte man all dies bereits Anno 1922 gewusst, so hätte es sicherlich Anlass zu allerlei Fragen gegeben. Ich bezweifle, dass je ein derart mächtiger und wohlhabender Mann unter solchen Umständen aus dem Verkehr gezogen worden ist.

Zum ersten Mal in diesem Buch trete ich nun als Augenzeuge gewisser von mir beschriebener Geschehnisse auf. Im Ersten Weltkrieg stand ich als einer von Millionen ahnungslosen Soldaten an der Front; erst viele Jahre später begriff ich, was damals hinter den Kulissen vor sich gegangen war. 1922 bot sich mir für einen kurzen Augenblick die Chance, einen Blick hinter den Vorhang zu tun, obwohl ich dem inneren Kreis der Entscheidungsträger selbst nicht angehörte.

Ich erinnere mich lebhaft an meine Begegnung mit Lord Northcliffe, die kurz vor seinem Tod stattfand. Vom Zionismus, Palästina, den Protokollen der Weisen von Zion und anderen Fragen, zu denen er sich zu Wort gemeldet hatte, verstand ich damals herzlich wenig. Mein Zeugnis mag von gewissem Interesse sein; seinen Wert kann ich selbst nicht beurteilen.

1922 war ich ein junger Mann, der sich nach seiner Rückkehr von der Front redlich um einen Arbeitsplatz bemüht und eine Anstellung als Angestellter im Büro der Times gefunden hatte. In der ersten Juniwoche – zu jener Zeit also, wo sich Lord Northcliffe anschickte, Wickham Steed als Herausgeber der Times zu feuern und diese Position selbst zu übernehmen - erhielt ich den Auftrag, mich nach Boulogne zu begeben, um dem Lord als Sekretär behiflich zu sein. Bevor ich meine Reise antrat, wies man mich dezent darauf hin, dass Northcliffe ein sehr gebieterischer Mann war und die widerspruchslose Ausführung seiner Anweisungen erwartete. So vorgewarnt, empfand ich alles, was er tat, als Ausdruck seiner herrischen Natur. Ich fand an seinem Verhalten nichts Verdächtiges, obschon er eine Woche später von einem „hochqualifizierten Arzt“ für geistesgestört erklärt und de facto seiner Bewegungsfreiheit beraubt wurde.

Lord Northcliffe verhielt sich genau so, wie laut der Schilderung von Personen, die viele Jahre lang mit ihm zusammengearbeitet hatten, zu erwarten gewesen war – außer in einem einzigen Punkt: Er ließ mehrmals durchblicken, dass sein Leben in Gefahr sei, und behauptete, man habe ihn vergiftet. Mir erschien es durchaus nicht verwunderlich, dass ein solcher Mann gefährliche Feinde hatte, aber ich hatte keine Ahnung, wer diese Feinde sein mochten. Der Verdacht, man habe ihn vergiftet, erfüllte ihn natürlich mit Argwohn gegen seine Umgebung, doch falls an diesem Verdacht etwas dran war, konnte von Geistesgestörtheit keine Rede sein.

Ich kann mir kein Urteil darüber anmaßen, was damals wirklich geschah, sondern lediglich festhalten, was ich selbst sah und dachte. Von den Intrigen um Lord Northcliffe wusste ich so wenig wie ein Wickelkind von der Gestalt der Erde. Nach meiner Rückkehr nach London fragten mich Northcliffes Bruder Lord Rothermere sowie einer seiner wichtigsten Mitarbeiter, Sir George Sutton, wie es um dessen Gesundheit bestellt sei. Da die „Diagnose“ des mysteriösen Arztes zu jenem Zeitpunkt bereits vorlag, besaßen sie in der Tat Grund zur Sorge, doch obwohl ich einer der letzten gewesen war, die Northcliffe vor der Erstellung dieser „Diagnose“ und seiner Entmachtung gesehen hatten, war mir nichts Verdächtiges aufgefallen. Die Verschwörung gegen ihn war dermaßen perfekt getarnt, dass ich, obgleich ich anschließend noch volle sechzehn Jahre lang für die Times arbeitete, erst volle drei Jahrzehnte später, nach dem Erscheinen der Offiziellen Geschichte, erfuhr, dass Lord Northcliffe von einem Arzt für verrückt erklärt worden war. Inzwischen war ich allerdings reif genug, um die enormen Auswirkungen einer Affäre, bei der ich als ahnungsloser siebenundzwanzigjähriger Schnösel eine unbedeutende Nebenrolle gespielt hatte, im Nu zu begreifen.

Kehren wir ins Jahr 1922 zurück. Nun, wo Lord Northcliffe aus dem Verkehr gezogen war und keinen Einfluss auf den Kurs seiner Zeitungen mehr hatte, konnte der Völkerbund das britische Mandat über Palästina in aller Ruhe ratifizieren – mit den misslichen Folgen, welche dieser Schritt für unsere heutige Generation nach sich ziehen sollte. Hätte eine Kette von Zeitungen mit hoher Auflage aus allen Rohren gegen diesen Plan geschossen, so wäre er womöglich gescheitert. Mit Lord Northcliffes Ableben verschwand auch die Möglichkeit, in der Times Leitartikel zu veröffentlichen, die Lord Balfour wegen seiner prozionistischen Haltung attackierten. Von nun an nahm die – in den Protokollen der Weisen von Zion vorausgesagte – Willfährigkeit der Presse immer ausgeprägtere Formen an, bis hin zum heutigen Zustand, wo eine wahrheitsgetreue und unparteiische Berichterstattung in dieser Frage längst zu einem Ding der Unmöglichkeit geworden ist.

Northcliffes Entmachtung erfolgte wie bereits erwähnt am 18. Juni 1922. Am 24. Juli tagte der Rat des Völkerbundes in London. Ohne Proteste der Northcliffe-Blätter befürchten zu müssen, erklärte er Palästina zum britischen Mandatsgebiet, was de facto bedeutete, dass den Zionisten das Recht zur Infiltrierung dieses Gebiets zuerkannt wurde. (Es versteht sich von selbst, dass die Öffentlichkeit hierüber in Unkenntnis gehalten wurde.)

Unter diesen Umständen war die Ratifizierung dieses Vertrags eine bloße Formalität. Selbstverständlich war das Dokument bereits lange im voraus formuliert worden, wobei Dr. Chaim Weizmann unsichtbar die Feder führte, und für die nötige Unterstützung durch die Politiker hatte Weizmann anlässlich seiner Reisen in alle möglichen Hauptstädte höchst persönlich gesorgt. So wie die Mitglieder von Oberst Houses „Untersuchungskommission“ die Statuten des Völkerbundes und die Herren Weizmann, Brandeis, Wise und Konsorten die Balfour-Deklaration entworfen hatten, entstand jetzt das dritte für die Verwirklichung des großen Plans entscheidende Dokument, und zwar unter Umständen, wie sie die Welt noch nie zuvor gesehen hatte. Weizmann schreibt, die Aufgabe, den Mandatsvertrag zu formulieren, sei dem damaligen britischen Außenminister Lord Curzon zugefallen, fügt jedoch hinzu: „Unsererseits genossen wir die wertvolle Unterstützung des Herrn Ben V. Cohen… eines der auf dem Gebiet der Vertragsformulierung kompetentesten Männer Amerikas.“ (Ben V. Cohen sollte zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt abermals eine wichtige Rolle bei diesem Prozess spielen.) Somit war ein amerikanischer Zionist bei der Formulierung eines Dokuments beteiligt, welches faktisch darauf hinauslief, dass die „Neue Weltordnung“ die britische Politik, den Einsatz britischer Truppen sowie die Zukunft Palästinas diktierte.

Lord Curzons Aufgabe bestand einzig und allein darin, den Vertragstext möglichst zu entschärfen. In der Tat setzte er ein paar geringfügige Konzessionen durch, die freilich keine großen langfristigen Auswirkungen hatten. Als fähiger Staatsmann (nicht: Politiker), der aussah wie ein römischer Kaiser, hielt er sich dem Urteil Weizmanns zufolge loyal an die vorgegebene politische Linie und war entschlossen, die Bestimmungen der Balfour-Deklaration strikt in die Praxis umzusetzen. Allerdings wusste man, dass er persönlich nichts für das Projekt übrig hatte, das zu fördern ihm seine Amtspflicht gebot; dies mag der Grund dafür gewesen sein, dass er nie Premierminister wurde, obgleich er hierfür die besten Voraussetzungen mitgebracht hätte. Es gelang ihm, die Tilgung einer bestimmten Wendung im Vertragstext zu erreichen. Laut Weizmann und Cohen hätte dieser eigentlich wie folgt beginnen sollen: „Unter Anerkennung der historischen Rechte der Juden auf Palästina…“. Gegen diese Formulierung erhob Curzon folgenden Einwand: „Wenn Sie es so ausdrücken, kann Weizmann jeden Tag zu mir kommen und sagen, er habe ein Recht, in Palästina dies und jenes zu tun! Damit bin ich nicht einverstanden.“ So wurden aus den „historischen Rechten“ „historische Bindungen“, obwohl Lord Curzon als hochgelehrter Mann schwerlich geglaubt haben dürfte, dass Khasaren aus Russland irgendwelche historischen Bindungen an das arabische Palästina besaßen.

Während noch am Vertragstext gefeilt wurde, machte sich Weizmann wieder einmal auf die Socken, um sicher zu gehen, das alle Mitglieder des Rates der Völkerbundes dem Mandat zustimmen und somit ihr Scherflein zur Begründung der „Neuen Weltordnung“ beitragen würden. Zuerst machte er dem italienischen Außenminister Schanzer seine Aufwartung und erfuhr von diesem, dass sich der Vatikan für den Fall einer zionistischen Herrschaft über Palästina Sorgen um die Zukunft des Raums machte, wo Jesus das Abendmahl eingenommen hatte. In jenem Ton, in dem er und seine Gesinnungsgenossen über Dinge zu sprechen pflegten, die anderen Menschen heilig sind, sagte er: „Da ich leider nur sehr wenig von Kirchengeschichte verstehe, weiß ich nicht, warum die Italiener dem Raum, wo das Abendmahl stattfand, solche Bedeutung beimessen.“

Nachdem es Weizmann gelungen war, Schanzer zu beruhigen, verließ er Rom mit der Zusicherung auf italienische Unterstützung. Von nun an entwickelten die Dinge ihre Eigendynamik; wie später bei den Vereinten Nationen wurde beim Völkerbund regelmäßig im voraus durch diskreten Druck dafür gesorgt, dass die Abstimmungen so verliefen wie gewünscht. Als Weizmann in Berlin eintraf, musste er erfahren, dass sein prominenter Glaubensgenosse Dr. Walter Rathenau ein kompromissloser Gegner des Zionismus war und „jeden Versuch bedauerte, die Juden Deutschlands im Sande der Mark Brandenburg zu einem fremden Volkskörper zu machen“. Bald darauf fiel Rathenau der Kugel eines Attentäters zum Opfer, und die emanzipierten Westjuden hatten einen prominenten Fürsprecher weniger.

Weizmanns Reisetätigkeit trug ihre Früchte: Schon vor der Abstimmung hatte er die Stimmen sämtlicher Ratsmitglieder außer Spanien und Brasilien im Sack. In London traf er sich mit dem spanischen Völkerbundvertreter und sagte zu diesem folgendes: „Jetzt bietet sich Spanien die Gelegenheit, seine alte, unbeglichene Schuld gegenüber den Juden teilweise zurückzuzahlen. Ihr könnt das Unrecht, dass eure Ahnen gegen uns verübt haben, teilweise tilgen.“

Vorsichtshalber verwendete Weizmann also zweimal das Wort „teilweise“… Sein Gesprächspartner, dessen Aufgabe die Verteidigung der Interessen seiner Heimat war, ließ sich von einem Argument beeindrucken, das früher bereits Balfour fasziniert hatte: Spanien hatte gegenüber den Juden – für die Weizmann zu sprechen vorgab – irgendeine Schuld zu begleichen und konnte diese teilweise tilgen, indem es der Entrechtung der palästinensischen Araber zustimmte. Dieses Argument mutet reichlich surrealistisch an, doch der spanische Delegierte versprach Weizmann die Stimme seines Landes und als Zugabe auch gleich noch diejenige Brasiliens!

Damit war der Chor der Jasager komplett. Nicht einmal Weizmann selbst vermochte zu sagen, ob dieses märchenhafte Resultat seiner Redekunst zuzuschreiben war oder ob der spanische Delegierte lediglich die Anweisungen seiner Vorgesetzten in Madrid erfüllte.

Im Vorfeld der Abstimmung wurde in England ein letzter Versuch unternommen, das Land vor der Verstrickung in ein palästinensisches Abenteuer zu bewahren. Lord Sydenham, Lord Islington und Lord Raglan ritten im Oberhaus eine vereinte Attacke auf das Mandat und erreichten, dass sich die Lords mit großer Mehrheit für den Widerruf der Balfour-Deklaration aussprachen. Allerdings besass das Oberhaus damals bereits keine Entscheidungsbefugnis mehr, so dass Balfour (der selbst kurz darauf in den Adelsstand erhoben wurde) Weizmann beruhigen konnte: „Was tut es schon zur Sache, wenn ein paar närrische Lords eine solche Resolution verabschieden?“

Nach diesen geheimen Vorbereitungen ging die Sitzung des Völkerbundsrates in London am 24. Juli 1922 programmgemäß über die Bühne. Laut Weizmann „verlief alles wie am Schnürchen, als Mr. Balfour zum Thema der Ratifizierung des Palästina-Mandats überging“. Großbritannien wurde das Recht zuerkannt, als Mandatsmacht in Palästina zu bleiben, was bedeutete, dass die neu in jenem Gebiet eingetroffenen Zionisten unter dem Schutz britischer Waffen standen.[18]

Somit ließ sich Großbritannien Anno 1922 auf ein halsbrecherisches Unternehmen ein, ohne dass die Öffentlichkeit gebührend darüber informiert worden wäre. In den folgenden drei Jahrzehnten mussten die Briten einen immer höheren Preis für diese Torheit bezahlen. Während der Anfangsphase dieses Prozesses spielte auch Amerika eine Rolle; allerdings wurde sich das amerikanische Volk dessen erst drei Jahrzehnte später gewahr.

Zu jenem Zeitpunkt weilte Woodrow Wilson bereits nicht mehr unter den Lebenden, und seine Demokratische Partei saß mittlerweile in der Opposition. Im Weißen Haus hockte nun Präsident Harding, der seine Republikanische Partei zurück an die Macht geführt hatte. Ihren Wahlsieg verdankten die Republikaner der allgemeinen Enttäuschung über die Ergebnisse des Krieges und dem Wunsch des amerikanischen Volkes, neue Verstrickungen in fremde Händel zu vermeiden. Die Vereinigten Staaten von Amerika verspürten nicht das geringste Bedürfnis, dem Völkerbund beizutreten und bei dessen mysteriösen Aktivitäten in aller Welt mitzuwirken.

Doch dann beschritt die Republikanische Partei wie vor ihr die Demokratische den Weg der Einmischung in fremde Konflikte. Hinter diesem jähen Kurswechsel standen vermutlich die geschworenen Feinde der Volksinteressen – die Parteimanager, die mit den Demokraten um die Gunst der Hintergrundmächte und die Stimmen der (von Oberst House in seinem Tagebuch und seinem Roman geschilderten) „Wechselwähler“ buhlen wollten.

Im Juni 1922, unmittelbar bevor der Völkerbund England ein Mandat über Palästina zusprach, verabschiedeten die beiden Kammern des amerikanischen Parlaments eine Resolution, deren Wortlaut beinahe identisch mit demjenigen der Balfour-Deklaration war.

Hiermit legten die Zionisten Amerika einen Nasenring an, und in Zukunft spielte es keine Rolle mehr, für welche der beiden rivalisierenden Parteien der amerikanische Bürger seine Stimme abgab.

[18] Auch bezüglich des Irak und Transjordaniens erhielt Großbritannien ein „Mandat“; ein solches wurde auch Frankreich in Bezug auf Syrien zuerkannt. All diese Mandate wurden im Folgenden jedoch aufgehoben, und die betreffenden Gebiete wurden zu unabhängigen Staaten. Andere Länder erhielten Mandatsrechte über verschiedene ehemalige deutsche Kolonien und Überseegebiete, die mit der Zeit de facto in den Besitz der „Mandatsmächte“ übergingen. Sämtliche Mandate außer demjenigen über Palästina waren ihrem Charakter nach fiktiv und dienten einzig und allein dazu, den Zweck des einzigen Mandats zu verschleiern, das für die Hintergrundmächte von echtem Interesse war. Von allen Mandaten überdauerte lediglich das palästinensische- freilich nur bis die Zionisten zahlenmäßig stark genug und ausreichend bewaffnet waren. Dann dankte die britische Mandatsmacht sang- und klanglos ab, und die Eindringlinge übernahmen die Macht, die sie nicht wieder abzutreten gedachten. Aus leicht erkennbaren Gründen hat die UNO als Nachfolgeorganisation des Völkerbundes keine „Mandatsrechte“ mehr verliehen. Statt von „Mandaten“ sprach man nun von „Trusteeships“ (Treuhandgebieten), was in der Praxis dasselbe war. In beiden Fällen bestand die Grundidee darin, bestimmte Territorien unter dem Deckmäntelchen des „internationalen Rechts“ und der „Legalität“ einem neuen Herrn zu unterstellen.


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