Kapitel 33

Die Liga zur Erzwingung des Friedens

Während die beiden Zwillingsbrüder aus Russland, der revolutionäre Kommunismus und der revolutionäre Zionismus, im November 1917 gleichzeitig triumphierten, trat auch das dritte Ziel dieses Krieges, in dessen Dienst sowohl der Kommunismus als auch der Zionismus standen, mit immer größerer Deutlichkeit zutage. Dieses dritte Ziel war ein Projekt zur Schaffung einer „Weltföderation“, der die Aufgabe zufallen würde, die „Angelegenheiten der Menschheit zu regeln“ und die Welt mit Gewalt zu regieren.

Wie ein Vierteljahrhundert später wurden die Massen schon damals mit der Parole aufgeputscht, es gelte einen „Verrückten in Berlin“, der gewaltsam die Weltherrschaft an sich reissen wolle, in die Schranken zu weisen. Zu den lautesten Hetzern gehörte in England ein Eden Philpotts, der dem deutschen Kaiser Wilhelm II. über den Ärmelkanal zudonnerte: „Du hast dir eingebildet, die Welt erobern zu können, aber dir werden lediglich ihre Flüche zuteil…“ Dieser Ausspruch war typisch für die damals in Großbritannien herrschende Stimmung. Dabei ging es auch den Urhebern des geheimen Plans im Westen darum, die „Welt zu erobern“ und die alten Herrscher durch neue zu ersetzen, nur hatten sie Grips genug, ihre wahren Absichten mit wohlklingenden Phrasen zu tarnen. Was bei den Deutschen „reaktionärer preußischer Militarismus“ war, waren bei Oberst House „aufgeklärte Ideen“, was bei Kaiser Wilhelm als „größenwahnsinniger Ehrgeiz“ galt, wurde in London als aufgeklärtes Konzept einer „neuen Weltordnung“ angepriesen. Die westlichen Politiker wurden zu professionellen Falschspielern. Nicht einmal Disraeli (der 1832 den Ausspruch getan hatte, die politische Praxis des Ostens lasse sich mit einem einzigen Wort kennzeichnen: „Falschspielerei“) hatte ahnen können, dass er damit zugleich ein Urteil über die politische Praxis des Westens im 20. Jahrhundert gefällt hatte. Jene westlichen Spitzenpolitiker, die sich vor den Karren des Zionismus und der Weltrevolution spannen ließen, beugten sich den Forderungen von Asiaten, und fortan regierte im Westen statt althergebrachter europäischer Ehrlichkeit asiatische Doppelzüngigkeit.

Ironischerweise hatte ausgerechnet Woodrow Wilson, der später zum gehorsamsten Lakaien der Hintergrundmächte werden sollte, anfangs wortstark gegen deren Winkelzüge gewettert. Wie erinnerlich, behauptete er noch Ende 1916, die Gründe des Krieges lägen „im Dunkeln“; nachdem ihm Oberst House Äußerungen dieser Art untersagt hatte, beharrte er zunächst immerhin noch darauf, dass beide kriegführenden Seiten „dieselben Ziele“ verfolgten. Ganz am Anfang seiner Präsidentschaft war er noch bedeutend weiter gegangen: „Es ist unerträglich, dass die Regierung der Republik den Händen des Volkes dermaßen entglitten und von Interessen usurpiert worden ist, die privater und nicht allgemeiner Natur sind. Wir wissen, dass in Washington irgendwelche Kräfte am Werk sind, die das Volk der Vereinigten Staaten daran hindern, seine Angelegenheiten selbst zu kontrollieren.“ Wessen „Interessen“ da auf dem Spiel standen, und wer anstelle des Volkes dessen Angelegenheiten „kontrollierte“, dürfte Wilson früher oder später begriffen haben, und dieses quälende Wissen könnte zu seinem körperlichen und seelischen Zusammenbruch (sowie eine Generation später zum Zusammenbruch Roosevelts) beigetragen haben.

Nichtsdestoweniger ließ sich Woodrow Wilson als Werkzeug missbrauchen, mit dessen Hilfe der Plan zur Errichtung einer „Weltföderation“ lanciert wurde. Diese Idee war ihm von anderen eingetrichtert worden (der Ausdruck „eintrichtern“ findet sich bei Arthur D. Howden, der in seiner House-Biographie beschreibt, mit welchen Methoden der Oberst die Aktionen anderer Männer lenkte). Im November 1915, als die Amerikaner in ihrer übergroßen Mehrheit hinter dem Präsidenten standen, der sie bisher aus dem Krieg herausgehalten hatte, erteilte Oberst House Woodrow Wilson folgende Anweisungen:

„Wir müssen den Einfluss unserer Nation zur Unterstützung eines Plans geltend machen, der gewährleistet, dass internationale Verpflichtungen beachtet und eingehalten werden, sowie eines anderen Plans, durch den der Weltfrieden bewahrt werden kann.“

Abermals verbargen die Ränkeschmiede ihre wahren Absichten hinter einer wohlklingenden Phrase – der „Erhaltung des Weltfriedens“. Oberst House hatte diesen Plan lange mit Asquiths Außenminister Sir Edward Grey erörtert (letzterer wurde 1914 blind, sprach aber in einem Augenblick der Klarsicht Worte, die heute wahrer sind als je zuvor: „Überall in Europa gehen die Lichter aus“). Grey war von dem Plan sehr angetan und schrieb an House: „Bisher besteht keine Möglichkeit, dem internationalen Recht Nachdruck zu verschaffen; die Lehre, die es aus diesem Krieg zu ziehen gilt, lautet, dass sich die Mächte verpflichten müssen, diesen Stand der Dinge zu ändern.“ Die Formulierung „Nachdruck verschaffen“ war ein Euphemismus, um Ausdrücke wie „Krieg“ oder „Sanktionen“, die auf die Massen abschreckend gewirkt hätten, zu vermeiden. Laut dem Wörterbuch ist „Nachdruck verschaffen“ ein Synonym für „gewaltsam durchsetzen“, und das einzige Mittel zur gewaltsamen Durchsetzung einer Forderung ist der Krieg; Sanktionen, die nicht durch diese Drohung untermauert werden, sind naturgemäß nicht effizient. In anderen Worten: Edward Grey meinte, das einzige Mittel zur Beendigung eines Krieges sei ein anderer Krieg. Grey war ein unbestechlicher Mann, doch scheint er Oberst House auf den Leim gegangen zu sein; die Urheber der großen „Idee“ wussten genau, was sie wollten.

Als das Jahr 1916 anbrach, hatte House den Präsidenten hinreichend über seine Pflichten aufgeklärt, und im Mai stellte sich Wilson hinter den Plan. Laut den privaten Unterlagen des Obersten tat er dies anlässlich der Versammlung einer neuen Organisation, die sich unverblümt „Liga zur Erzwingung des Friedens“ nannte. Laut House war Wilson nicht in die Ziele dieser Liga eingeweiht: „Es macht nicht den Anschein, als habe Woodrow Wilson das Programm der Liga zur Erzwingung des Friedens ernsthaft studiert.“

Bei dieser Liga handelte es sich lediglich um die Neuauflage einer gleichnamigen Organisation, die, wie Lord Robert Cecil gegenüber House bemerkt hatte, in Wirklichkeit nichts weiter als eine „Liga zur Aufrechterhaltung der Tyrannei“ gewesen war. Wäre die neue Liga unter derselben Bezeichnung aufgetreten, so wäre das amerikanische Volk misstrauisch geworden; die Amerikaner wären nicht bereit gewesen, sich in eine dermaßen plumpe Falle locken zu lassen. Senator George Wharton Peeper erinnerte sich: „Die ‚Liga zur Erzwingung des Friedens' erleichterte unsere Aufgabe, da sie, wie schon ihr Name zeigte, die Auffassung vertrat, die Konvention [des Völkerbundes] könne nur durch Waffengewalt erzwungen werden… Diesem Standpunkt hielten wir beharrlich entgegen, dass der Aufruf zur Gewaltanwendung bestenfalls nutzlos und schlimmstenfalls gefährlich sei…Der absoluten Nutzlosigkeit eines Aufrufs zur internationalen Gewaltanwendung stellte ich die guten Aussichten eines Systems entgegen, das die Regelung von Konflikten im Rahmen einer internationalen Konferenz vorsah, und ich bekundete meine Unterstützung für jede beliebige Vereinigung mit letzterer Zielsetzung und meinen resoluten Widerstand gegen eine Liga, welche erstere Zielsetzung vertrat.“

Die Rosstäuscher verzichteten schon bald auf die Bezeichnung „Liga zur Erzwingung des Friedens“ und entschieden sich stattdessen für den Namen „Völkerbund“. Dies änderte allerdings nichts daran, dass der Plan offensichtlich unverändert geblieben war: Ihm zufolge sollten die nationalen Armeen der Kontrolle eines supranationalen Komitees unterstellt werden, welches befugt war, sie auf eine Weise zur „Regelung der Angelegenheiten der Menschheit“ einzusetzen, die seinen eigenen Interessen entsprach. Hieran hat sich bis heute nichts geändert. So wie sich Präsident Wilson bereits im Mai 1916, also anderthalb Jahre vor der Balfour-Deklaration, zur Unterstützung des Zionismus verpflichtet hatte, tat er auch in diesem Fall, was von ihm verlangt wurde, und gab gleich nach Amerikas Kriegseintritt im April 1917 bekannt, die USA unterstützten die Bestrebungen zur Schaffung einer „neuen internationalen Ordnung“. Diese Erklärung gab er zu einem Zeitpunkt ab, wo die erste Revolution in Russland in vollem Gang war und bereits an der Balfour-Deklaration gefeilt wurde.

Somit verschmolzen die drei großen Pläne zu einem einzigen, zu einem Projekt, welches den Erfolg des ersten und des zweiten Plans krönen sollte. Sein Grundprinzip war die Zerstörung der Nationalstaaten, ja der Nationen überhaupt, so dass es – in moderner Form – den alten Konflikt zwischen dem Alten und dem Neuen Testament, zwischen dem levitischen Gesetz und der christlichen Lehre widerspiegelte. Torah und Talmud sind die einzigen identifizierbaren Quellen dieser Idee zur Zerstörung der Nationen. Oberst House meinte zwar, es sei so gut wie unmöglich, irgendeine Idee bis hin zu ihrer Quelle zu verfolgen, doch im vorliegenden Fall ist dies sehr wohl möglich. Die Idee, mit der wir es hier zu tun haben, entstand um 500 v. Chr. und blieb 25 Jahrhunderte lang lebendig. Sofern vor dieser Zeit irgendjemand dieses „zerstörerische Prinzip“ zum Gesetz und zur Religion erhoben hat, ist es mitsamt diesem Gesetz und dieser Religion spurlos verschwunden. Die in der Torah und dem Talmud enthaltene Idee wurde von einer Generation an die andere weitergegeben. Das Neue Testament verwirft sie und spricht von der „Täuschung“ aller Nationen, nicht von ihrer Zerstörung. Das Buch der Offenbarung prophezeit, dass diese Täuschung der Nationen eines Tages enden wird. Wer gerne Prophezeiungen deutet, kann im Völkerbund sowie seinen Nachfolgeorganisationen die Instrumente dieser „Täuschung“ sehen, die letzten Endes zum Scheitern verurteilt ist.

Nachdem Oberst House entschieden und seine Marionette Wilson wiederholt hatte, dass eine „neue internationale Ordnung“ vonnöten sei, stellte House (laut seinem Biographen Howden) eine „Untersuchungskommission“ auf die Beine, die mit dem Entwurf eines Plans beauftragt war. Der Vorsitzende dieser Kommission war Houses Schwager Dr. Sidney Mezes (der damalige Präsident des College der Stadt New York), ihr Sekretär ein Journalist der Zeitschrift New Republic namens Walter Lippmann. Ein Dr. Isaiah Bowman, Direktor der American Geographical Society, amtete als „persönlicher Berater und Assistent“ des Vorsitzenden.

Die Angehörigen der „Untersuchungskommission“ waren also mehrheitlich jüdischer Herkunft (allerdings nicht ostjüdischer; dies mag die Erklärung für Dr. Kasteins Hinweis auf die Existenz einer „jüdischen Internationale“ liefern). Somit liegt die Vermutung nahe, dass der Plan, in dessen Rahmen die Kommission gegründet wurde, jüdisch inspiriert war. Folgt man Howden, bestand die Aufgabe der Kommission darin, die Konvention eines „Völkerbundes“ zu entwerfen, die Oberst House (!) dann nach ihrer Fertigstellung im Juli 1918 unterzeichnete. „Präsident Wilson war nicht der Urheber der Konvention und hat dies auch niemals behauptet“, hielt Howden unmissverständlich fest. Soviel zu den Ursprüngen des Völkerbundes.

Vor der Versailler Friedenskonferenz lancierte Oberst House seine „neue Weltordnung“. Schon während der Vorbereitungsphase wurde deutlich erkennbar, welche Kräfte hinter den westlichen Regierungen standen. Der Zionismus und Palästina (zwei Fragen, von denen die breite Masse kaum je gehört hatte, als der Erste Weltkrieg begann) sollten bei der geplanten Konferenz ganz oben auf der Agenda stehen.

Dies könnte der Grund dafür gewesen sein, dass die langen depressiven Perioden Woodrow Wilsons bisweilen durch Phasen des Enthusiasmus unterbrochen wurden. Rabbiner Stephen Wise schilderte dem Präsidenten den bevorstehenden Palästina-Feldzug in solch leuchtenden Farben, dass Wilson entzückt vor sich hermurmelte: „Wenn man sich vorstellt, dass ich, ein Bauernsohn, dazu beitragen kann, das Heilige Land seinem Volk zurückzugeben!“ Während der Präsident sich im Spiegel der Nachwelt betrachtete, verglich ihn der Rebbe an seiner Seite mit dem persischen König Kyros, der den in seinem Land lebenden Exiljuden die Rückkehr nach Jerusalem ermöglicht hatte. Kyros hatte den Verschleppten sowie deren Nachfahren erlaubt, nach fünf Jahrzehnten in ihre Heimat zurückzukehren, sofern sie dies wünschten. Von Präsident Wilson wurde verlangt, judaisierte Khasaren aus Russland in ein Land umzusiedeln, das die eigentlichen Juden achtzehn Jahrhunderte zuvor verlassen hatten.

Jenseits des Atlantik bereitete sich Dr. Weizmann indessen eifrig auf die Friedenskonferenz vor. Zum damaligen Zeitpunkt war er offensichtlich einer der mächtigsten Männer der Welt, ein Potentat (oder zumindest ein Gesandter von Potentaten), dem die „diktatorisch regierenden Premierminister“ des Westens ehrerbietig ihre Reverenz erwiesen. Als Englands Schicksal im Frühling 1918 an der Westfront auf Messers Schneide stand, wurde eine geplante Audienz Weizmanns beim englischen König verschoben. Der Zionistenführer schrie Zeter und Mordio, worauf Balfour die Verschiebung sogleich rückgängig machte, auch wenn die Audienz nicht wie ursprünglich geplant im Buckingham-Palast stattfand. Es machte fast den Anschein, als geruhe Weizmann seinerseits gnädig, dem Monarchen eine Unterredung zu gewähren… Während des Zweiten Weltkriegs soll der sowjetische Diktator Stalins die Mahnungen der westlichen Führer, er möge den Einfluss des Papstes doch bitteschön gebührend berücksichtigen, mit der unwirschen Frage quittiert haben: „Wieviele Divisionen hat der Papst?“ So lautet zumindest die Anekdote, die in den Klubs und Pubs die Runde machte; einfachen Menschen erschien es, als habe Stalin mit dieser kurzen Frage eine grundlegende Wahrheit ausgedrückt, doch der Fall Dr. Weizmanns zeigt, dass dies durchaus nicht zutrifft. Weizmann kommandierte keinen einzigen Soldaten, doch er und die internationale Organisation, die er repräsentierte, vermochten die Mächtigen zu demütigenderen Kapitulationen zu zwingen als gar mancher Feldherr mit einer mächtigen Armee.

Im Grunde seines Herzens verachtete Dr. Weizmann die Gestalten, die vor ihm zu Kreuz krochen, ebenso wie die Orte, wo er seine Triumphe feierte. In einem Brief an Lady Crewe hielt er fest: „Wir hassen Antisemiten und Philosemiten gleichermaßen.“ Balfour, Lloyd George und Weizmanns andere hochrangige „Freunde“ waren Philosemiten im wahrsten Sinne des Wortes und überboten einander in ihrer Unterwürfigkeit gegenüber dem Mann, der sie verachtete. Was Weizmann von England hielt, geht aus einer Bemerkung hervor, die er zwanzig Jahre nach den hier geschilderten Ereignissen beim Anblick der wilden Tiere im Kruger-Nationalpark fallen ließ: „Es muss wunderbar sein, im südafrikanischen Wildreservat ein Tier zu sein, viel besser, als in Warschau oder sogar in London ein Jude zu sein.“

1918 beschloss Weizmann, sein künftiges Königreich zu inspizieren. Als er in Palästina eintraf, hatte die deutsche Offensive in Frankreich bereits eingesetzt; den geschwächten britischen Heeren stand das Wasser bis zum Hals, und der größte Teil des britischen Expeditionskorps in Palästina wurde eilends nach Frankreich zurückgeschafft. Nichtsdestoweniger verlangte Weizmann, mit großem Pomp den Grundstein zu einer hebräischen Universität legen zu dürfen. Der Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Palästina, Lord Allenby wandte protestierend ein, die Deutschen stünden fast schon vor den Toren von Paris, worauf Weizmann konterte, dies sei lediglich „eine Episode“. Allenby beharrte auf seiner ablehnenden Position, und als Weizmann nicht locker sind, wandte sich Allenby an Balfour, der ihn sofort telegraphisch anwies, seine Einwilligung zu der von Weizmann geforderten Zeremonie zu erteilen. Im Rahmen einer pompösen Veranstaltung, an der sich britische Stabsoffiziere beteiligten und bei der britische Truppen ihre Gewehre präsentierten, führte Weizmann seine Gründungszeremonie auf dem Scopus-Berg aus; nur das ferne Grollen der Gefechte zwischen Briten und Türken störte die Feier ein wenig).

In jenen Tagen stand ich in Frankreich an der Front. Hätten die britischen Streitkräfte über eine halbe Million Mann mehr verfügt, so hätten sie die Schlacht gewonnen; unzählige Menschenleben wären gerettet worden, und der Krieg wäre aller Wahrscheinlichkeit nach früher zu Ende gegangen. Während französische und britische Soldaten im Westen ihre Haut zu Markte trugen, machten sie in Palästina einen zionistischen Urlaub.

Als der Krieg am 11. November 1918 schließlich zu Ende ging, lud Lloyd George keinen anderen als Dr. Weizmann als einzigen Gast zu einem Mittagessen ein; wie Weizmann später berichtete, las sein Gastgeber aus den Psalmen und war „schier zu Tränen gerührt“. Anschließend verfolgte der Zionistenhäuptling durch das Fenster des Regierungssitzes an der Downing Street 10, wie eine jubelnde Menge den Premierminister auf den Schultern zu einem Dankgottesdienst in der Abtei von Westminster trug. Ob irgendjemand, sei es ein gewöhnlicher Sterblicher oder einer der „Manager“, damals auf den großgewachsenen Mann mit hoher Stirn, Bart und schweren Augenlidern geachtet haben mag, der diese Szene vom Fenster aus beobachtete?

Bei der Friedenskonferenz von 1919, wo die „neue Weltordnung“ begründet werden sollte, war Chaim Weizmann als Führer einer zionistischen Delegation dabei. Er setzte den erlauchten Rat der Zehn darüber in Kenntnis, dass die Juden durch den Krieg „härter betroffen worden waren als jede andere Gruppe“. Die Politiker des Jahres 1919 nahmen diese dreiste Verunglimpfung ihrer Millionen von Toten schweigend hin, doch ein aufmüpfiger Jude, Sylvain Lévi aus Frankreich, versuchte im letzten Augenblick, sie wachzurütteln, indem er sie auf folgende Fakten hinwies: Erstens sei Palästina ein kleines und armes Land mit einer arabischen Bevölkerung von 600.000 Seelen, und die Juden, deren Lebensstandard höher war als derjenige der Araber, würden versuchen, letzteren ihren Besitz und Boden zu entreißen. Zweitens werde es sich bei den Juden, die nach Palästina auswandern würden, größtenteils um russische Juden handeln, die „explosive Tendenzen“ aufwiesen. Drittens werde die Schaffung einer jüdischen Heimstatt in Palästina dazu führen, dass die außerhalb Palästinas lebenden Juden künftig gezwungen sein würden, zu entscheiden, wem ihre Loyalität galt – dem Land, dessen Bürger sie waren, oder dem zionistischen Staatswesen in Palästina.

Wie berechtigt diese drei Warnungen waren, hat die spätere Entwicklung eindrücklich bestätigt. Die nichtjüdischen Politiker bei der Friedenskonferenz von 1919 reagierten jedoch mit eisiger Ablehnung auf Lévis Ausführungen, und der amerikanische Außenminister Lansing schnitt dem Ketzer schon bald das Wort ab. „Was verstehen Sie unter einer nationalen jüdischen Heimstatt?“ fragte er Weizmann. Dieser erwiderte, Palästina werde – „unter strenger Berücksichtigung der Interessen des nichtjüdischen Bevölkerungsanteils“ - mit der Zeit „so jüdisch werden, wie England englisch ist“. Diese Antwort war zwar reichlich verschwommen, doch Lansing bezeichnete sie als „absolut klar“, der Rat der Zehn nickte beifällig, und Lévi sah sich schachmatt gesetzt (wie alle jüdischen Dissidenten in den 25 Jahrhunderten zuvor). Dass man ihn überhaupt zur Konferenz eingeladen hatte, erklärte sich damit, dass man den Schein der Unparteilichkeit wahren wollte; in Wirklichkeit stand der Entscheid von Anfang an fest: Beunruhigt über die Schwierigkeiten, mit denen die Zionisten in Paris anfangs zu ringen hatten, hatte Rabbiner Wise Woodrow Wilson so gründlich bearbeitet, dass an seiner Unterstützung kein Zweifel bestand. „Herr Präsident, das Wetljudentum zählt in seiner Stunde der Not und der Hoffnung auf Sie“, hatte Wise den Präsidenten bei einer privaten Unterredung beschworen. Dies lief auf eine Exkommunizierung Lévis und seiner Gesinnungsgenossen heraus. Wilson legte dem Rabbiner die Hand auf die Schulter und sagte in ruhigem, aber entschlossenem Ton:

„Machen Sie sich keine Sorgen; Palästina wird euch gehören.“

Neben Lévi gab es noch einen Mann, der sich bemühte, den Entscheid, den sich die Politiker leichtfertig zu fällen anschickten, zu verhüten. Oberst T. E. Lawrence („Lawrence von Arabien“) war ein glühender Philosemit, hatte er doch unter Arabern gelebt und in der Wüste ihren Widerstandskampf gegen die türkische Fremdherrschaft organisiert. Er war auch ein Freund der Juden: Chaim Weizmann schreibt, Lawrence sei „irrtümlicherweise als Antizionist dargestellt worden“, obwohl er durchaus an eine „jüdische Heimstatt“ geglaubt habe. (Unter einer solchen verstand Lawrence ein „kulturelles Zentrum“; dieses liess sich seiner Auffassung nach ohne weiteres in den vereinigten arabischen Staat eingliedern, für dessen Schaffung er sich eingesetzt hatte.)

Bei den Versailler Verhandlungen begriff Lawrence, dass geplant war, den zionistischen Nationalismus als Zeitbombe inmitten eines Konglomerats schwacher arabischer Staaten zu plazieren, und diese Einsicht machte ihn zum gebrochenen Mann. David Garnett, der Herausgeber seiner Briefe ( Letters of T.E. Lawrence, 1938), schrieb: „Lawrence errang seine Siege, ohne damit mehr als eine Handvoll Engländer zu gefährden, und er errang sie nicht, um unser Empire um einige unterworfene Provinzen mehr zu erweitern, sondern damit die Araber, unter denen er gelebt hatte und die er liebte, ein freies Volk sein und die arabische Zivilisation wiedergeboren werden sollte.“

Dies war die Überzeugung, um derentwillen Lawrence seinen Wüstenkrieg geführt hatte; mit dieser Begründung hatte man ihn nach Arabien geschickt. Laut J. M. Keynes (Essays in Biography, 1933) war er zu Beginn der Pariser Konferenz „voll und ganz Herr seiner Nerven und genau so normal wie die meisten von uns“. Er nahm Wilsons Versprechen, das dieser anlässlich einer „Rede über die 14 Punkte“ am 8. Januar 1918 abgegeben hatte, für bare Münze: „Die unter türkischer Herrschaft lebenden Nationalitäten sollen eine verbindliche Garantie für ihre Existenz sowie die Chance für eine unabhängige Entwicklung erhalten.“ Lawrence konnte nicht ahnen, dass diese Worte nichts als Schall und Rauch waren, weil sich Wilson unter dem Einfluss der Männer, die ihn umgaben, insgeheim der Sache des Zionismus verschrieben hatte.

Nach Weizmanns Anwort an Lansing und deren beifälliger Aufnahme durch den Rat der Zehn begriff Lawrence, dass die Araber Palästinas verkauft und verraten waren. Wie Garnett berichtet, ließ er „Enttäuschung und Bitterkeit über die Niederlage erkennen, die er bei der Friedenskonferenz erlitten hatte; als er sich zur Friedenskonferenz begab, hatte er fest darauf vertraut, dass Präsident Wilson den arabischen Völkern das Selbstbestimmungsrecht sichern werde, doch als er von dort zurückkehrte, hatte er seine Illusionen vollständig verloren“. Lawrence selbst schrieb später: „Bei jenen stürmischen Feldzügen durchlebten wir viele Leben, versagten uns nie etwas Gutes und fürchteten uns nie vor etwas Schlechtem, doch als wir den Sieg errungen hatten und die Morgenluft einer neuen Welt verspürten, kehrten die alten Männer wieder, raubten uns unseren Sieg und passten ihn der alten Welt an, die sie kannten. Ich wollte eine neue Nation schmieden, der Welt einen verloren gegangenen Einfluss wiedergeben, zwanzig Millionen Semiten die Grundfeste schenken, auf der sie einen Traumpalast ihrer nationalen Gedanken errichten konnten.“

Der durch diese Erfahrung gebrochene Lawrence gehörte zu den berühmtesten Männern der Welt. Wäre er zu den Falschspielern übergegangen, so wäre ihm keine Position und keine Ehrung versagt geblieben. Er lehnte hohe Stellungen und Orden ab und versuchte aus lauter Scham sogar seine Identität zu verbergen: Er meldete sich unter einem falschen Namen für die niedrigste Charge bei der Royal Air Force, wo ihn ein Schnüffler von der Presse dann aufstöberte. Die Umstände des Motorradunfalls, der seinem Leben ein Ende setzte, erweckten den Verdacht, er habe in Wirklichkeit Selbstmord begangen; sie erinnerten an die Art und Weise, wie James Forrestal nach dem Zweiten Weltkrieg den Tod fand. Jedenfalls gebührt T. E. Lawrence ein Ehrenrang unter den Märtyrern dieser Geschichte.

Die führenden Politiker der westlichen Welt waren grimmig entschlossen, das zionistische Abenteuer durch die Schaffung einer „neuen Weltordnung“ um jeden Preis durchzuboxen, auch wenn sie dadurch ihre Ehre preisgaben und unsägliches menschliches Leid heraufbeschworen. Bezüglich fast aller anderen Fragen waren sie zerstritten, so dass gleich nach Kriegsende allerlei Konflikte zwischen ihnen an die Oberfläche kamen und diverse Freundschaften in Brüche gingen. Ernsthaften Spannungen ausgesetzt war beispielsweise die Beziehung zwischen Präsident Wilson und seiner „zweiten Persönlichkeit, seinem anderen Ich“ (ein ähnlicher, mysteriöser Zwist erfolgte gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zwischen Präsident Roosevelt und seinem „anderen Ich“, Harry Hopkins).

Oberst House war damals auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt. Premierminister, Minister, Botschafter und Delegierte umlagerten ihn im Hotel Crillon, wo er einquartiert war; an einem einzigen Tag gewährte er solch hochrangigen Persönlichkeiten nicht weniger als 49 Audienzen. Einmal ersuchte der französische Premierminister Clemenceau um eine Unterredung mit House, als dieser gerade mit seinem Präsidenten zusammensaß. Woodrow Wilson wurde gebeten, den Raum zu verlassen, damit sich Clemenceau und House ungestört unterhalten konnten. Solche Demütigungen mögen Wilson den Rest gegeben haben; jedenfalls wurde er tödlich krank (wie Roosevelt in Jalta; allerdings überlebte Wilson wesentlich länger). Alles deutet darauf hin, dass sich der Präsident und Oberst House fortan nie wieder sahen. „Meine Trennung von Woodrow Wilson war und ist für mich ein tragisches Geheimnis, ein Geheimnis, das nun niemals erhellt werden kann, da die Lösung mit ihm zu Grabe getragen wurde“, vermerkte House knapp.

Die Illusion der Macht wirkte zerstörerisch. Männer wie Wilson und House zählten niemals zu den wirklich Mächtigen, weil sie lediglich als Werkzeuge anderer Männer walteten. In den Annalen der Geschichte wirken ihre Namen wie die von Gespenstern; zwar mögen noch heute Plätze und Alleen nach ihnen benannt sein, doch nur wenige wissen noch, wer sie waren. Wilson kehrte nach der Friedenskonferenz in die USA zurück, wo er bald starb. House geriet schon nach kurzer Zeit in Vergessenheit und fristete in seiner Wohnung an der East Street 35 ein einsames Dasein. Lloyd George beendete seine politische Laufbahn als ruhmloser Hinterbänkler. Der einzige „Triumph“, der ihm noch vergönnt war, bestand darin, den Niedergang der einst großen Liberalen Partei zu besiegeln, denn die liberale Fraktion im Parlament, die er anführte, zählte nach einem Jahrzehnt noch genau vier Personen. Arthur Balfour zog noch ein paar Jahre lang geistesabwesend seine Runden durch den Saint James-Park.

Es war diesen Männern nicht gelungen, alles zu verwirklichen, was ihre Herren von ihnen erwartet hatten. Als die Franzosen die Schaffung einer internationalen Streitkraft forderten, die der exekutiven Kontrolle des Völkerbundes unterstehen sollte, regte sich in Amerika dermaßen heftiger Widerstand gegen dieses Ansinnen, dass sich Wilson resolut weigerte, ihm stattzugeben. Er erinnerte sich plötzlich daran, dass ihm die Verfassung der USA einen derartigen Ausverkauf amerikanischer Souveränitätsrechte untersagte.

Somit konnte das Schlimmste verhütet werden – vorderhand. Die Strippenzieher hinter den Kulissen, welche die „diktatorisch regierenden Premierminister“ und fügsamen „Administratoren“ auch weiterhin wie Puppen an ihren Fäden tanzen ließen, mussten das Ende des Zweiten Weltkriegs abwarten, ehe es ihnen gelang, die Kontrolle über die Armeen der Nationalstaaten zu erringen. Erst dann glückte es ihnen, eine „Liga zur Erzwingung des Friedens“ zu gründen, die über annähernd diktatorische Vollmachten verfügte.

1919 hatten sie sich mit einem bescheidenen Experiment begnügen müssen – dem Völkerbund.

Die Vereinigten Staaten von Amerika traten dieser internationalen Organisation nicht einmal bei, weil die große Mehrheit der US-Bürger nichts davon wissen wollte. Das amerikanische Volk war zutiefst enttäuscht über die Ergebnisse des Kriegs und instinktiv bestrebt, künftig jede Verstrickung in fremde Händel zu vermeiden. Großbritannien erklärte zwar seinen Beitritt zum Völkerbund, doch der britische Premierminister hieß inzwischen nicht mehr Lloyd George, und seine Nachfolger waren nicht gewillt, die Streitkräfte des Landes fremder Kontrolle zu unterstellen. Unter diesen Umständen ließ sich die „neue Welt“, die Oberst House und seinen Hintermännern vorgeschwebt hatte, vorerst nicht verwirklichen. Immerhin: Dank dem Völkerbund gelang es den Intriganten, eine Bresche in die britische Souveränität zu schlagen, die sich als verhängnisvoll, wenn nicht gar als tödlich erweisen sollte.

Die Autorität des Völkerbundes – wie immer es um diese auch bestellt sein mochte – diente als Vorwand, um britische Truppen als Leibwächter der zionistischen Eindringlinge zu missbrauchen, die Palästina unter ihre Herrschaft bringen wollten. Der Trick, mit dem dies bewerkstelligt wurde, bestand in der Schaffung eines „Mandats“; aus welcher Ecke diese Idee stammte, habe ich bereits in einem früheren Kapitel erwähnt. Unter Berufung auf das „Mandat“ konnte der Völkerbund Zionisten aus Russland in arabisches Territorium einzuschleusen, wo sie alsbald die 1919 von Sylvain Lévi erwähnten „explosiven Tendenzen“ offenbarten; heute, im Jahre 1956, sind diese mit unüberbietbarer Deutlichkeit zutage getreten. Dies war die einzige bleibende Errungenschaft der 1919 begründeten „neuen Weltordnung“. Man braucht nur die alte Frage Cui bono? – Wem nützt es? – zu stellen, um zu verstehen, welche Kreise hinter dieser „neuen Weltordnung“ gestanden hatten.

Die Geschichte des „Mandats“ (sowie eines Mannes, der versuchte, es zu verhindern) bildet das Thema des nächsten Kapitels.


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