Kapitel 18

Napoleon stellt die Gretchenfrage

Schon bald nach seiner Ernennung zum Kaiser von Frankreich (wenn nicht bereits zuvor) wurde sich Napoleon Bonaparte bewusst, dass eines der schwierigsten Probleme, denen er sich gegenübersah, nicht französischer, sondern fremder Natur war: Die „Judenfrage“. Viele Jahrhunderte lang hatte die abendländische Menschheit unter diesem Problem gelitten. Kaum hatte Napoleon den Papst für sich gewonnen und den Kaiserthron bestiegen, sah er sich jäh mit dieser heiklen Frage konfrontiert.

Wie es seiner Art entsprach, packte Napoleon den Stier bei den Hörnern und versuchte die Juden zu einer klaren Antwort auf die uralte Frage zu bewegen: Waren sie ehrlich bestrebt, Teil der Nation zu werden und sich an ihre Gesetze zu halten, oder befolgten sie insgeheim ein anderes Gesetz, welches ihnen gebot, die Völker, unter denen sie lebten, zu unterwerfen und letztlich zu vernichten?

Diese Gretchenfrage Napoleons an die Juden stellte seinen zweiten Versuch zur Lösung des jüdischen Problems dar. Da sein erster Versuch weitgehend unbekannt ist, lohnt es sich, darüber einige Worte zu verlieren.

Napoleon gehörte zu den ersten, die auf die Idee verfielen, Jerusalem für die Juden zu erobern und, um den heute modischen Ausdruck vorwegzunehmen, „die Prophezeiung zu erfüllen“. Hierdurch schuf er einen Präzedenzfall und wurde zum Vorläufer prominenter britischer und amerikanischer Führer unseres Jahrhunderts, die sich wohl mit Händen und Füßen dagegen verwahrt hätten, mit Napoleon verglichen zu werden: Lord Balfour, Lloyd George, Woodrow Wilson, Franklin D. Roosevelt, Harry Truman und Winston Churchill.

Napoleons Unterfangen war so kurzlebiger Natur, dass die Geschichte nur wenig darüber zu berichten weiß und seine Beweggründe fast völlig im Dunkeln bleiben. Da er zum damaligen Zeitpunkt noch nicht französisches Staatsoberhaupt, sondern erst Oberkommandierender der französischen Armee war, lässt sich nicht ausschließen, dass es ihm lediglich darum ging, sich die Unterstützung der im Nahen Osten lebenden Juden bei seinem dortigen Feldzug zu sichern. Falls er sich allerdings bereits als Ersten Konsul oder gar als Kaiser aller Franzosen sah, ist es sehr wohl denkbar, dass er (wie vor ihm Cromwell) auf die finanzielle Unterstützung der europäischen Juden bei der Verwirklichung seiner ehrgeizigen Pläne spekulierte.

Welche dieser beiden Hypothesen zutrifft, sei dahingestellt. Tatsache ist jedenfalls, dass der Korse der erste europäische Potentat war (als Oberbefehlshaber der französischen Streitkräfte verdient er diese Bezeichnung), der um die Gunst der jüdischen Führer buhlte, indem er ihnen Jerusalem versprach. Mit diesem Schritt stellte er sich de facto hinter die These, wonach die Juden eine separate Nation bilden, auch wenn er sich später in gegenteiligem Sinn äußerte.

Gesicherte historische Informationen über diese Episode sind spärlich und beruhen ausschließlich auf zwei Berichten, die 1799 im Pariser Moniteur erschienen. Damals führte Napoleon Krieg in Ägypten, mit dem Ziel, die Engländer aus dem Nahen Osten zu vertreiben.

Der erste der beiden Berichte war am 17. April 1799 in Istanbul verfasst worden und wurde am 22. Mai veröffentlicht. Darin hieß es: „Bonaparte hat eine Proklamation verabschiedet, in der er alle Juden Asiens und Afrika auffordert, sich um sein Banner zu scharen, um das alte Jerusalem wiederherzustellen. Er hat bereits eine große Anzahl von ihnen bewaffnet, und ihre Bataillone bedrohen Aleppo."

Diese Sätze lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Napoleon wollte „die Prophezeiung erfüllen“, indem er die Juden nach Jerusalem „zurückkehren“ ließ.

Einige Wochen später berichtete der Moniteur: "Bonaparte hat Syrien nicht nur erobert, um Jerusalem den Juden zu geben: Er hat weitergehende Pläne..“

Möglicherweise hatte Napoleon erfahren, dass der erste Bericht in Frankreich sehr ungünstig aufgenommen worden war: Die Vorstellung, der Krieg gegen England könnte (ebenso wie zuvor die Revolution gegen „Könige und Priester“) letzten Endes nur Wasser auf jüdische Mühlen leiten, erregte Unmut und Besorgnis. Der Artikel mag den Engländern unter den Arabern mehr Sympathien eingebracht haben als Napoleon unter den Juden… Der Sturm im Wasserglas legte sich jedoch schon bald, denn Napoleon stieß nie nach Jerusalem vor. Zwei Tage vor der Veröffentlichung des ersten der beiden Moniteur-Artikel hatte er bereits den Rückzug nach Ägypten angetreten, nachdem ihm eine britische Flotte unter Sir William Smith bei Acre eine folgenschwere Niederlage beigebracht hatte.

Wäre es Napoleon tatsächlich geglückt, Jerusalem für die Juden zu erobern, so hätten die Weisen von Zion in seinem Stammbaum schon bald eifrig nach mosaischen Ahnen ausgespäht, so wie sie es früher bei Cromwell getan hatten. Bereits einige Tropfen jüdischen Blutes hätten vermutlich ausgereicht, um ihn zum Messias auszurufen…

1925 kommentierte ein Philip Guedalla Napoleons gescheiterten Jerusalem-Plan mit folgenden Worten: "Ein zorniger Mann glaubte, eine historische Chance verpasst zu haben. Doch eine geduldige Rasse wartete weiter, und ein Jahrhundert später, nachdem andere Eroberer dieselben staubigen Pfade betreten hatten, erwies es sich, dass wir unsere Chance nicht versäumt hatten.“ Der Hinweis bezog sich auf die britischen Truppen, die Jerusalem Anno 1917 tatsächlich erobert und somit vollbracht hatten, was Napoleon verwehrt geblieben war. Als typischer Zionist betrachtete Guedalla die britischen Soldaten als bloße Werkzeuge bei der Verwirklichung jüdischer Ziele. Er tat diesen Ausspruch übrigens in Gegenwart des ehemaligen Premierministers Lloyd George, der Albions Heere 1917 auf die „staubigen Pfade" des Nahen Ostens entsandt hatte und den die Juden seither huldvoll als „Werkzeug in den Händen des jüdischen Gottes“ (Dr. Kastein) priesen.

1804 wurde Napoleon zum Kaiser gekrönt. Bereits zwei Jahre später nahm die „jüdische Frage“ in seiner Agenda einen derart hohen Stellenwert ein, dass er einen zweiten Anlauf zu ihrer Lösung unternahm.

Wie so viele andere Potentaten vor und nach ihm verfolgte ihn diese Frage bei all seinen Feldzügen permanent. Nachdem sein Versuch, Jerusalem für die Juden zu erobern und diesen hierdurch offiziell eine nationale Heimstatt zu schenken, missglückt war, schlug er nun den umgekehrten Weg ein und verlangte von den Juden, sich klipp und klar zu entscheiden, ob sie eine separate Nation bilden oder Teil der französischen Nation sein wollten. Seine wohlwollende Einstellung gegenüber den Juden war vielen Franzosen sauer aufgestoßen, und er wurde mit Klagen und Eingaben überschüttet, die ihn um Schutz vor den Juden ersuchten. Um dieser Stimmung Rechnung zu tragen, bezeichnete er die Juden vor dem Staatsrat als „Heuschrecken und Raupen", die Frankreich „auffräßen“, und sprach von ihnen als von einer „Nation in der Nation“ (eine Einschätzung, der selbst orthodoxe Juden damals heftig widersprachen).

Der Staatsrat war seinerseits gespalten und konnte sich nicht zu einer klaren Stellungnahme durchringen, so dass Napoleon 112 führende jüdische Persönlichkeiten aus Frankreich, Deutschland und Italien nach Paris beorderte und ihnen eine Liste mit Fragen vorlegte.

Die Welt, in die sich der französische Kaiser hierdurch vorwagte, ist für den Nichtjuden fremd und unverständlich, doch zwei Zitate bringen zumindest ein wenig Licht ins Dunkel:

„Da sich die Juden als das auserwählte, zur Erlösung bestimmte Volk betrachteten, war ihr Weltbild judäozentrisch, und die Juden konnten alles, was geschah, nur von ihrem eigenen Standpunkt aus betrachten; sie standen stets im Mittelpunkt." (Dr. Kastein).

„Der Jude konstruierte eine ganze Geschichte der Welt, bei der er der Mittelpunkt war, von diesem Augenblick an, d. h. vom Augenblick an, wo Jahwe den Bund mit Abraham schließt, stellt die Geschichte Israels die Geschichte der Welt, ja die Geschichte des ganzen Kosmos dar und ist das einzige, worum sich der Schöpfer der Welt kümmert. Es ist, als ob die Kreise immer enger würden und schließlich nur noch der Mittelpunkt übrig bliebe: Das Ego." (Houston Stewart Chamberlain.)

Das erste Zitat stammt von einem zionistischen Juden, das zweite von einem Mann, den dieser zionistische Jude als „Antisemiten" schmähen würde; wie der Leser erkennt, sind sich die beiden über die Essenz des jüdischen Glaubens jedoch völlig einig! Wer sich ernsthaft mit dieser Frage befasst, wird sich bald gewahr, dass es hier keinerlei Meinungsunterschiede zwischen talmudistisch geschulten jüdischen Gelehrten und angeblich „in Vorurteilen befangenen" Kritikern des Judentums gibt. Die jüdischen Extremisten stoßen sich lediglich daran, dass Leute, die „außerhalb des Gesetzes“ stehen, sich überhaupt die Freiheit herausnehmen, Kritik an ihnen zu üben.

Napoleons Gretchenfrage an die Juden zeigt, dass er die Natur des Judentums und den spannungsgeladenen Charakter der Beziehungen zwischen Nichtjuden und Juden ausgezeichnet begriffen hatte; hierdurch unterschied er sich wohltuend von den britischen und amerikanischen Politikern des 20. Jahrhunderts, die sich dem Zionismus mit Haut und Haaren verschrieben haben. Napoleon wusste, dass die Welt laut dem jüdischen Gesetz an einem genau bekannten Datum einzig und allein um der Juden willen erschaffen worden war, und dass alles, was sich auf ihr zutrug (einschließlich seiner eigenen ruhmvollen Laufbahn) lediglich dazu diente, den Juden ihrem Triumph näher zu bringen. Somit verstand er einen Sachverhalt, den Dr. Kastein später unter Bezugnahme auf den Perserkönig Kyros und seine Eroberung Babylons im Jahre 538 v. Chr. wie folgt formulieren sollte:

„Wenn der größte König jenes Zeitalters ein Werkzeug in den Händen des jüdischen Gottes war, so bedeutete dies, dass dieser Gott nicht nur über das Schicksal eines Volkes, sondern über das Schicksal aller Völker und nicht nur über das Geschick einer Nation, sondern über das Geschick aller Nationen der Welt bestimmte.“

Napoleon hatte versucht, sich selbst zum „Werkzeug in den Händen des jüdischen Gottes“ zu machen, doch hatten ihm die Briten bei Acre einen Strich durch die Rechnung gemacht und ihm die Eroberung Jerusalems verwehrt. Mittlerweile war er aber Kaiser von Frankreich und gab sich nicht mehr mit der Rolle eines „Werkzeugs“ zufrieden. Er wollte die Juden zwingen, klar kundzutun, wem ihre Loyalität galt, und stellte ihnen listig formulierte Fragen, die sie unmöglich beantworten konnten, ohne entweder die Grundidee ihres Glaubens zu verraten oder aber der Doppelzüngigkeit geziehen zu werden. Dr. Kastein geißelt diese Fragen als „infam“, doch zollt er hiermit lediglich der jüdischen Einstellung Tribut, der zufolge Außenstehende grundsätzlich kein Recht haben, Juden irgendwelche kritischen Fragen zu stellen.

An anderer Stelle verleiht Dr. Kastein seiner Bewunderung für Napoleon unfreiwillig Ausdruck, indem er diesem zubilligt, "die Essenz des Problems korrekt begriffen" zu haben. Es ist dies die höchste Anerkennung, die Dr. Kastein einem nichtjüdischen Herrscher in seinem Buch je zollt.

Wenn irgendein Sterblicher darauf hoffen durfte, eine Lösung des „jüdischen Problems“ zu finden, dann am ehesten Napoleon. Seine Fragen trafen nämlich den Kern der Sache und ließen einem wahrheitsliebenden Menschen, der sie beantworten musste, nur die Wahl zwischen einem Treuebekenntnis und dem Geständnis, ein illoyaler Bürger seines Staates zu sein.

Die (von den jüdischen Gemeinden ausgewählten) Delegierten, die der Vorladung Folge leisteten und sich nach Paris begaben, steckten in einer Zwickmühle. Einerseits waren sie ausnahmslos in einem uralten Glauben erzogen worden, dem zufolge sich ihr Volk für immer von allen anderen Nationen „absondern“ musste, da es von Gott dazu auserkoren war, letztere „in den Staub zu werfen und zu vernichten“, um schließlich in ein gelobtes Land "zurückkehren“ zu dürfen. Andererseits gehörte gerade ihr Volk zu jenen, die von der Revolution und ihren Emanzipationsbestrebungen am meisten profitiert hatten, und der berühmteste General dieser Revolution, der nun von ihnen einen Offenbarungseid forderte, hatte einige Jahre zuvor versucht, „das alte Jerusalem wiederherzustellen“. Und jetzt wollte dieser Mann von ihnen wissen, ob sie Teil der von ihm regierten Nation seien oder nicht!

Napoleons Fragen waren wie Pfeile, welche die von Torah und Talmud errichtete Trennmauer zwischen den Juden und dem Rest der Menschheit zu durchbohren drohten. Die wichtigsten dieser Fragen lauteten wie folgt:

  • Erlaubte das jüdische Gesetz Mischehen?
  • Galten die Franzosen den Juden als Fremde oder als Brüder?
  • Betrachteten die Juden Frankreich als ihr Heimatland, dessen Gesetze für sie verbindlich waren?
  • Machte das jüdische Gesetz einen Unterschied zwischen jüdischen und christlichen Schuldnern?

Alle diese Fragen betrafen die von den Leviten erlassenen diskriminierenden religiösen und rassischen Gesetze, welche die moralischen Gebote de facto aufgehoben hatten.

Napoleon stellte den jüdischen Vertretern diese Fragen, auf welche die Welt seit Jahrhunderten vergeblich eine Antwort erwartete, formell und unter größtmöglicher Publizität. Nun, wo die Augen der gesamten französischen Nation auf sie gerichtet waren, standen die jüdischen Führer vor einer für sie fatalen Alternative: Entweder sie sagten sich ehrlich von dem Rassengesetz los, oder sie erklärten es zum Schein für überholt und praktizierten es heimlich weiter. Der Talmud erlaubte ihnen diesen Ausweg.

Dr. Kastein schreibt: „Die jüdischen Gelehrten, denen es oblag, die gegen die Juden erhobenen Vorwürfe zu entkräften, befanden sich in einer außerordentlich schwierigen Position, denn für sie war alles, was im Talmud stand, heilig, selbst dessen Legenden und Anekdoten." In anderen Worten, sie mussten notgedrungen zur Täuschung greifen, denn ungeachtet der von Dr. Kastein gewählten Formulierung verlangte man von ihnen keineswegs, „Vorwürfe zu entkräften“, sondern lediglich, bestimmte Fragen zu beantworten.

Die jüdischen Abgeordneten bekundeten einmütig, so etwas wie eine jüdische Nation gebe es nicht mehr; die Juden wünschten keinesfalls in geschlossenen, selbstverwalteten Gemeinschaften zu leben; sie seien in jeder Hinsicht Franzosen und sonst gar nichts.

Bezüglich der Mischehen drückten sie sich um eine klare Antwort und hielten lediglich fest, solche seien nach dem Zivilrecht zulässig.

Selbst Dr. Kastein sieht sich genötigt, Napoleons folgenden Schritt als „Geniestreich“ zu bezeichnen. Er lieferte den historischen Beweis für folgende Tatsache: Wenn man die Vertreter des Judentums zwingt, öffentlich gewisse für ihre Gastvölker lebenswichtige Fragen zu beantworten, lügen sie entweder, oder sie legen in guten Treuen Versprechungen ab, die sie dann nicht halten können. Die Ereignisse der folgenden Jahrzehnte belegen nämlich, dass die wahren Machthaber innerhalb des Judentums niemals auf ihren Anspruch verzichtet haben, eine separate Nation zu vertreten. Somit errang Napoleon ungeachtet seiner späteren Niederlagen auf dem Schlachtfeld einen historischen Sieg, von dessen Früchten wir bis heute zehren.

Der französische Kaiser war darauf bedacht, von den jüdischen Führern möglichst klare Antworten zu erhalten, die auch in Zukunft für alle Juden der Welt verbindlich sein und feste Richtlinien für ihr Handeln aufstellen sollten. Zu diesem Zweck ordnete er die Einberufung des Großen Sanhedrin an.

Aus allen Teilen Europas begaben sich die Angehörigen des Sanhedrin (in Übereinstimmung mit der Tradition waren es ihrer 71, darunter 46 Rabbiner und 25 Laien) nach Paris, wo sie sich im Februar 1807 mit großem Pomp versammelten. Obgleich der Sanhedrin als solcher schon seit Jahrhunderten nicht mehr getagt hatte, war das talmudistische Zentrum in Polen erst vor kurzem in den Untergrund abgetaucht, so dass die Vorstellung einer offiziellen jüdischen Regierung noch höchst lebendig und realistisch war.

Die Konzessionen des Sanhedrin waren noch spektakulärer als die der zuvor einberufenen jüdischen Würdenträger. Er begann seine Erklärung mit einem Dank an die christlichen Kirchen für den Schutz, den diese den Juden in der Vergangenheit gewährt hatten; es lohnt sich, dieses Eingeständnis mit der gängigen zionistischen Geschichtsversion zu vergleichen, laut der die Juden unentwegt von den Christen verfolgt worden sind. Des weiteren anerkannte der Sanhedrin das Verschwinden der jüdischen Nation als historische Tatsache. Hiermit beseitigte er das zentrale Dilemma, welches sich dadurch ergeben hatte, dass das bisher für die Juden gültige Gesetz keine Unterscheidung zwischen religiösem und zivilem Recht erlaubte. Da die „Nation“ angeblich nicht länger existierte, konnte man geltend machen, die talmudischen Gesetze, welche das Alltagsleben regelten, seien nicht länger gültig, doch die Torah als Religionsgesetz sei unantastbar. Der Sanhedrin griff prompt zu dieser Ausflucht und fügte hinzu, wenn die religiösen Gesetze im Widerspruch zu den Gesetzen eines Staates stünden, in dem Juden lebten, so hätten letztere Vorrang. Fortan werde Israel nur noch als Religion existieren und keinerlei nationalen Ansprüche mehr erheben.

Es war dies ein einzigartiger Triumph Napoleons (wer weiß, inwiefern er zu seinem Untergang beigetragen hat?). Die Juden wurden zumindest offiziell vom Talmud befreit, und der von den Leviten zweieinhalbtausend Jahre zuvor versperrte Weg zu ihrer Wiedereingliederung in die nichtjüdische Gesellschaft und ihrer Aufnahme in die Menschheit war wieder frei. Der Geist der Diskriminierung und des Hasses schien gebannt.

Die Erklärungen des Sanhedrin bildeten die Rechtfertigung für die in den folgenden Jahren überall in Westeuropa energisch erhobene Forderung nach vollen bürgerlichen Rechten.

Alle jüdischen Strömungen und Gruppierungen des Westens stellten sich aufs nachdrücklichste hinter diese Forderung.

Von nun an verwahrte sich auch das orthodoxe Judentum entrüstet gegen die Unterstellung, die Juden bildeten einen Staat im Staat. Noch weiter ging das Reformjudentum, das, so Rabbiner Moses P. Jacobson, „sämtliche Gebete abschaffte, die auch nur den Verdacht aufkommen ließen, die Juden hofften noch auf eine nationale jüdische Wiedergeburt oder strebten eine solche an“.

Somit gingen die Gegner der Judenemanzipation im Britischen Parlament ihres schlagkräftigsten Arguments verlustig. Bisher hatten sie behaupten dürfen, die Juden erwarteten „einen großen Erlöser, ihre Rückkehr nach Palästina, den Wiederaufbau ihres Tempels und die Wiedergeburt ihrer alten Religion“ und würden England deshalb „stets nur als Stätte des Exils und nicht als ihr Land betrachten“ (so Bernard J. Brown). Diese Warnungen waren voll und ganz berechtigt, verhallten jedoch ungehört. Nach kaum neunzig Jahren wurden die Erklärungen des von Napoleon einberufenen Sanhedrin faktisch widerrufen, so dass sich Bernard J. Brown zu folgendem Eingeständnis genötigt sah:

„Obwohl die Juden in fast jedem Land die dauerhafte Anerkennung ihrer Gleichberechtigung erkämpft haben, ist der jüdische Nationalismus mittlerweile zur Philosophie Israels geworden. Wir Juden dürfen uns nicht wundern, wenn man uns vorwirft, wir hätten die Gleichheit vor dem Gesetz unter Vorspiegelung falscher Tatsachen erfochten, wir seien immer noch eine Nation in der Nation, und die uns zugestandenen Rechte sollten uns wieder aberkannt werden."

Napoleon hat der Nachwelt unfreiwillig einen Dienst erwiesen, indem er den Beweis dafür lieferte, dass die von ihm erzwungenen Zusicherungen wertlos waren. In den restlichen neun Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts hämmerten die talmudistischen Herrscher der Juden ihrem Fußvolk gebührend ein, dass es für sie nur ein einziges Gesetz gab und dass dieses für sie die Richtschnur ihres Denkens und Handelns zu sein hatte. Unterstützung erhielten die Talmudisten dabei von nichtjüdischen Politikern, die ihnen Handlangerdienste leisteten wie einst der Perserkönig Artaxerxes dem Judenführer Nehemiah.

Hatten die von Napoleon einberufenen jüdischen Repräsentanten, und nach ihnen die Mitglieder des Sanhedrin, ihre Erklärungen in guten Treuen abgegeben, oder hatten sie bewusst gelogen? Die Antwort lautet vermutlich: Teils, teils. Schließlich hat es innerhalb des Judentums schon immer zwei grundverschiedene Hauptströmungen gegeben.

Ohne Zweifel waren sich die jüdischen Vertreter bewusst, dass ihre Antworten die Emanzipation der Juden auch in anderen Staaten entscheidend fördern würden. Andererseits gab es unter ihnen sicherlich solche, die aus voller Überzeugung für eine Aufnahme der Juden in die Menschheit eintraten; wie bereits erwähnt war der Impuls, die Stammesgrenzen zu durchbrechen, im Judentum schon immer lebendig, auch wenn er von der herrschenden Sekte regelmäßig unterdrückt wurde. Unter diesen Umständen darf man davon ausgehen, dass manche Delegierten es mit ihrer Erklärung ehrlich meinten, während andere von Anfang an mit gezinkten Karten spielten.

Der von Napoleon einberufene Sanhedrin wies einen grundsätzlichen Schwachpunkt auf. Er repräsentierte einzig und allein die Juden Westeuropas, die mehrheitlich sephardischer Abstammung waren und ihre Vormachtstellung innerhalb des Judentums in zunehmendem Maße einbüßten. Das talmudistische Zentrum befand sich in Russland oder dem damals russisch beherrschten Teil Polens, wo die überwiegende Mehrheit der Juden, die Aschkenasen oder Ostjuden, lebten. Falls sich Napoleon dieser Tatsache überhaupt bewusst war, scheint er ihr keine sonderliche Bedeutung beigemessen zu haben. Die östlichen Talmudisten waren im Sanhedrin nicht vertreten, und die von letzterem erteilten Antworten galten ihnen als blanke Häresie. Schließlich waren sie die Gralshüter der von Leviten und Pharisäern geschaffenen Tradition!

Mit der Einberufung des Sanhedrin in Paris fand die dritte, talmudische Phase der Geschichte Zions ihren Abschluss. Begonnen hatte sie im Jahre 70 n. Chr., als die Talmudisten nach dem Fall Jerusalems in die Fußstapfen der Pharisäer traten. Nach siebzehn Jahrhunderten machte es vordergründig den Eindruck, die Fragen, welche den Gastvölkern der Juden keine Ruhe gelassen hatten, seien endgültig beantwortet.

Die Juden schienen bereit, Bestandteil der Menschheit zu werden und dem Rat ihres französischen Glaubensgenossen Isaac Berr zu folgen, der ihnen empfohlen hatte, „sich in allen nicht unmittelbar mit unserem geistigen Gesetz verknüpften Fragen von Engstirnigkeit, Gruppendenken und Isolationismus zu befreien". In weltlichen Dingen, meinte Berr, müssten die Juden „unter allen Umständen einfach als Individuen, als Franzosen auftreten" und sich "von Patriotismus und der Sorge um das Wohl der Völker leiten lassen“. Für den Talmud, den „Zaun um das Gesetz“, hätte dies das Aus bedeutet.

Doch all dies erwies sich als Illusion. Der heutige, nichtjüdische Forscher kann sich des Eindrucks nicht erwehren, damals sei eine einmalige Chance vertan worden während der strenggläubige Jude die Dinge natürlich grundlegend anders sieht: Für ihn konnte eine tödliche Gefahr, das Aufgehen der Juden in der Menschheit, im letzten Augenblick mit knapper Not verhütet werden.

Somit begann die vierte Epoche in der Geschichte Zions, die kurze Periode der Emanzipation im 19. Jahrhundert. Während dieser Zeit schickten sich die Talmudisten im Osten an, all das zunichte zu machen, was der Sanhedrin verkündet hatte, und die dank der Emanzipation erworbenen Rechte nicht etwa zur Gleichstellung der Juden mit den anderen Menschen, sondern ganz im Gegenteil zu deren erneuter Absonderung und Ausgrenzung zu benutzen und lauter denn je nach einer „nationalen Heimstatt“ für das jüdische Volk zu schreien. Die Juden sollten nicht bloß wieder eine Nation innerhalb der anderen Nationen werden, sondern eine Nation, die sich über alle anderen Nationen erhob.

Die Bemühungen der Talmudisten waren von Erfolg gekrönt und zeitigten Ergebnisse, deren Zeugen wir in der gegenwärtigen Periode sind. Es ist dies die fünfte Periode der Geschichte Zions, die Periode des Zionismus. Die Geschichte seiner Erfolge ist untrennbar mit jener der Revolution verbunden, der wir uns nun wieder zuwenden wollen.


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