Kapitel 10

Der Mann aus Galiläa

Um Christi Geburt herum war die Vorahnung, dass schon bald ein wunderbares Wesen erscheinen würde, unter den Judäern weit verbreitet. Sie sehnten sich nach einem Beweis dafür, dass Jahwe den mit seinem auserkorenen Volk abgeschlossenen Bund zu halten gedachte. Um dieser Stimmung Rechnung zu tragen, hatten die Schreiber in die Schriften allmählich die Vorstellung vom Gesalbten eingefügt, vom Messias, der kommen würde, um den Bund zu erfüllen.

Die Targam, die rabbinischen Kommentatoren des Gesetzes, schwärmten: „Wie schön er ist, der Messias-König, der dem Hause Juda entstammen wird. Er wird seine Lenden gürten und in die Schlacht gegen seine Feinde ziehen, und viele Könige werden erschlagen werden.“

Diese Sätze erhellen, was für Erwartungen man bei den Judäern geweckt hatte. Sie hofften auf einen kriegerischen, rächenden Messias, der an die Tradition der „Tötung aller Erstgeborenen Aegyptens“ und der „Zerstörung Babylons“ anknüpfen würde, indem er Judas Feinde „mit einer eisernen Rute züchtigen“ und „wie ein Töpfergefäss in Stücke schlagen“, den Juden ein Reich von dieser Welt schenken und das Stammesgesetz wortwörtlich erfüllen würde. Dies und nichts anderes hatten Generationen von Pharisäern und Leviten ihrem Fussvolk nämlich in Aussicht gestellt.

Die Vorstellung eines demütigen Messias, dessen Lehre „Liebet eure Feinde“ lautete und der „der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit“ war (Jesaja 53; 3), musste dem Volk völlig unverständlich vorkommen, und hätte es jemand auf die betreffende Stelle im Buch Jesaja aufmerksam gemacht (deren Bedeutung freilich erst nach dem Leben und Tod Jesu zutage trat), so hätte er selbst als der „Allerverachtetste und Unwerteste“ gegolten. Doch genau solcher Art war der Mann, der kam: Er war demütig, predigte Liebe, erhob den Anspruch, der Messias zu sein, und wurde von vielen als solcher anerkannt.

Mit einigen wenigen Worten fegte Er den gesamten Ballast der rassischen Politik weg, mit der die herrschende Sekte das frühere Moralgesetz übertüncht hatte, und legte das Verschüttete frei. Mit untrüglicher Sicherheit erkannten die Pharisäer in Ihm sogleich den gefährlichsten aller „Propheten und Träumer von Träumen“.

Unter den Judäern fand Er jedoch eine zahlreiche Anhängerschaft; viele von ihnen mussten also instinktiv geahnt haben, dass ihre wirkliche Knechtschaft geistiger Art und ihr wahrer Unterdrücker nicht der Römer, sondern der Pharisäer war. Dennoch: Die Mehrzahl der Judäer erwartete einen kriegerischen, nationalistischen Messias und stimmte gedankenlos in den Chor der Pharisäer ein, die Jesus als Gotteslästerer und falschen Messias brandmarkten.

Durch diese Verwerfung Seiner Botschaft pflanzten sie allen kommenden Generationen von Juden einen quälenden Zweifel ein, der auch dadurch nicht geringer wird, dass es nicht statthaft ist, ihn zu äussern (der Name Jesu darf in einem frommen jüdischen Haus nicht einmal erwähnt werden): Ist der Messias erschienen, nur um von den Juden verworfen zu werden, und wenn ja, was für eine Zukunft erwartet sie dann nach dem Gesetz?

Eines der vielen Paradoxe in der Geschichte Zions besteht darin, dass christliche Geistliche und Theologen unserer Generation oft geltend machen, Jesus sei Jude gewesen, während die jüdischen Autoritäten dies bestreiten. (Jene Rabbiner, die Ihn bei politischen oder „interkonfessionellen“ Veranstaltungen bisweilen als Juden anerkennen, stellen keine echten Ausnahmen von dieser Regel dar, denn vor einem jüdischen Publikum gäben sie dergleichen nicht von sich; ihr Ziel besteht einzig und allein darin, bei ihren nichtjüdischen Zuhörern Punkte zu sammeln) [1]

Wenn jüdische Persönlichkeiten Jesus öffentlich als Juden bezeichnen, verfolgen sie damit ausschliesslich politische Ziele. Oft geht es ihnen darum, Vorbehalte gegen den zionistischen Einfluss auf die internationale Politik oder die zionistische Invasion Palästinas auszuräumen, indem sie unterstellen, da Jesus Jude gewesen sei, dürfe niemand die Juden für irgendetwas kritisieren. Selbstverständlich ist dies ein äusserst fadenscheiniges Argument, doch die Massen fallen leicht darauf herein, und das Resultat ist abermals ein Paradox: Um sich den Juden anzubiedern, stellen nichtjüdische Politiker häufig eine Behauptung auf, die für gläubige Juden anstössig ist!

Das englische Wort „Jew“ und das deutsche Wort „Jude“ sind neuzeitlichen Ursprungs und den zur Zeit Jesu verwendeten aramäischen, griechischen oder lateinischen Ausdrücken für die „Judäer“ keineswegs gleichzusetzen. Für „Jew“ bzw. „Jude“ gibt es nämlich keine allgemein anerkannte Definition, so dass gewisse ansonsten peinlich auf Genauigkeit bedachte Wörterbücher offenkundig absurde Definitionen wie „Person hebräischer Rasse“ feilbieten.

Wenn die Behauptung „Jesus war ein Jude“ einen Sinn haben soll, gilt es also die Massstäbe Seiner Zeit anzulegen, und diesen zufolge musste Er, um Jude zu sein, eine von drei Bedingungen erfüllen: 1) Er musste dem Stamme Juda angehören; 2) Er musste Seinen Wohnsitz in Judäa haben; 3) Er musste Seinem Glauben nach ein „Jude“ sein, falls es damals überhaupt eine solche Religion gab.

Kurzum: Die drei möglichen Kriterien waren Rasse, Wohnsitz und Glaubensbekenntnis.

Wir gedenken nicht, uns in diesem Buch mit der Frage nach der rassischen Abstimmung Jesu auseinanderzusetzen; die hierzu von gewissen christlichen Geistlichen abgegebenen Stellungnahmen sind recht befremdlich. Der Leser wird seine eigenen Schlussfolgerungen ziehen müssen, wenn er auf diese Frage eine Antwort wünscht.

Der Stammbaum Marias wird im Neuen Testament nicht erwähnt, doch gibt es drei Stellen, die darauf hinzudeuten scheinen, dass Sie dem Hause Davids entstammte. Bei Matthäus 1; 20 nennt der Engel Joseph den „ Sohn Davids“, und bei Lukas 1; 27 lesen wir, dass die Jungfrau Maria „vertraut war einem Manne mit Namen Joseph, vom Hause David“, aber Joseph war nicht der leibliche Vater Jesu. Jüdische Gelehrte tun diese Hinweise auf Josephs Abstammung mit dem Argument ab, sie seien nachträglich eingefügt worden, um die Geschichte Jesu mit den alten Prophezeiungen vereinbar erscheinen zu lassen.

Gehen wir zum zweiten Punkte über. Jesus wurde in Bethlehem geboren (Matthäus 2; 1), doch lässt sich nicht ausschliessen, dass sich Seine Mutter aus Galiläa dorthin begeben hatte, um sich registrieren zu lassen.

Abermals wenden die jüdischen Gelehrten ein, man habe den Hinweis auf Bethlehem eingeflochten, um folgender alttestamentarischer Prophezeiung gerecht zu werden: „Und du, Bethlehem Ephratha, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll der kommen, der in Israel Her sei...“ (Micha 5; 1.)

In der Jewish Encyclopedia heisst es, die Heimatstadt Jesu sei Nazareth gewesen; in der Tat ist man sich allgemein darüber einig, dass Er Galiläer war, wo auch immer Er das Licht der Welt erblickt haben mag. Galiläa, wo Er fast sein ganzes Leben verbrachte, war politisch völlig von Juda getrennt, unterstand einem eigenen römischen Tetrarchen und galt Juda als „fremdes Land“ (so Heinrich Graetz in seinem 1888 erschienenen Werk Volksthuemliche Geschichte der Juden). Eheschliessungen zwischen Judäern und Galiläern waren verboten, und schon vor Jesu Geburt hatte einer der maccabäischen Prinzen, Simon Tharsi, sämtliche in Galiläa ansässigen Judäer nach Judä abschieben lassen.

Dies bedeutet, dass sich die Galiläer rassisch und politisch von den Judäern unterschieden.

War der Galiläer Jesus in religiösem Sinne das, was man heutzutage einen „Juden“ nennen würde? Es versteht sich von selbst, dass die jüdischen Autoritäten dies mit Haut und Haaren bestreiten, und der bei politischen oder interkonfessionellen Veranstaltungen sowie auf den Kanzeln christlicher Kirche oft getane Ausspruch „Jesus war ein Jude“ könnte in einer Synagoge leicht einen Tumult auslösen. In der Tat ist nicht klar, was sich prominente Persönlichkeiten denken, wenn sie diesen Satz aussprechen. Zur Zeit Jesu gab es keine „jüdische“ oder auch nur „judaistische“ Religion. Es gab den Jahwe-Kult, und es gab verschiedene Sekten wie die Pharisäer, Sadduzäer und Essener, die sich gegenseitig befehdeten und sich die Macht über das Volk strittig machten. Sie waren nicht nur Sekten, sondern zugleich politische Parteien, und die mächtigste davon waren die Pharisäer, die für sich in Anspruch nahmen, die Mose von Gott geoffenbarten „mündlichen Überlieferungen“ zu kennen.

Wenn die heutigen Zionisten „die Juden“ sind (was alle grossen westlichen Nationen anerkennen), so bildeten die Pharisäer zur Zeit Jesu in Judäa die Entsprechung zu den Zionisten. Jesus hat die Pharisäer mit besonderer Schärfe attackiert. Gewiss, Er hat auch die Sadduzäer und die Schriftgelehrten getadelt, doch die Evangelien vermitteln Aufschluss darüber, dass Er die Pharisäer als Feinde Gottes und der Menschen betrachtete und dass sich Sein Zorn in besonderem Masse gegen sie richtete. Was Er ihnen, und nur ihnen, vorwarf, waren dieselben Dinge, die laut den heutigen Zionisten die Merkmale der Juden, des Jüdischseins und des Judentums sind.

Vom religiösen Standpunkt aus verkörperte Jesus zweifellos das Gegenteil von all dem, was heutige für einen orthdoxen Juden kennzeichnend ist und damals für einen Pharisäer kennzeichnend war.

Niemand kann mit absoluter Sicherheit sagen, welcher Bevölkerungsgruppe und welchem Glauben Jesus angehörte, und die propagandistischen Behauptungen nichtjüdischer Politiker klingen ebenso hohl und falsch wie die höhnischen Worte über den „Bastard“, die einst in den jüdischen Ghettos die Runde machten.

Was Er tat und sagte, ist von dermassen überwältigender Bedeutung, dass nichts anderes zählt. Ein (wenn auch auf bedeutend niedrigerer Ebene) vergleichbarer Fall ist derjenige Shakespeares. Die grandiose literarische Qualität seiner Werke ist über jeden Zweifel erhaben, so dass die Frage, ob er oder ein anderer sie geschrieben hat, im Grunde genommen unwichtig und der unaufhörliche Streit darüber müssig ist.

Der Sohn eines Zimmermanns aus Galiläa hatte offensichtlich keine formelle Erziehung genossen, keine Rabbinerschule besucht und keine Ausbildung als Priester erhalten. „Woher kommt diesem solche Weisheit und Taten? Ist er nicht des Zimmermanns Sohn? [...] Woher kommt ihm denn das alles?“ fragten die Schriftgelehrten bestürzt. (Matthäus 13; 54, 55.)

Was die Lehre dieses dem einfachen Volk entstammten jungen Mannes zum blendenden Licht der Offenbarung macht, ist der dunkle Hintergrund des levitischen Gesetzes und der pharisäischen Tradition, gegen die Er sich wandte, als Er in Juda wirkte. Noch heute hat jemand, der das Alte Testament aufmerksam und kritisch studiert hat und sich dann der Bergpredigt zuwendet, den Eindruck, aus der Finsternis ins Licht getreten zu sein.

Das Gesetz, das zu „erfüllen“ Jesus gekommen war, hatte sich zu einem ungeheuer umfangreichen, in seiner schwindelerregenden Kompliziertheit erstickenden und lähmenden Wust von Regeln entwickelt. Die Torah war lediglich der Anfang gewesen, der Unterbau, auf dem eine Unmenge von Interpretationen und rabbinischen Urteilen fusste; wie fromme Seidenraupen spannen die Schriftgelehrten den Faden unentwegt weiter, um jede denkbare Handlung des Menschen erfassen und beurteilen zu können. Es hatte der harten Arbeit ganzer Generationen von Rechtsgelehrten bedurft, um verbindlich festzulegen, dass man ein Ei nicht am Sabbat essen durfte, wenn der grössere Teil davon den Leib der Henne bereits verlassen hatte, ehe ein zweiter Stern am Firmament erschien.

Um die Bücher, die das Gesetz mitsamt den dazu gehörenden Kommentaren enthielten, unterbringen zu können, brauchte es mittlerweile eine regelrechte Bibliothek, und um all seine Facetten auch nur zu resümieren, hätte man ein ganzes Komitee von Juristen einberufen müssen. Der junge Mann aus Galiläa schob diesen Kram mit einer Handbewegung beiseite und verkündete eine Wahrheit, die zugleich die herrschene Häresie enthüllte, indem er „das ganze Gesetz und die Propheten“ auf zwei Gebote reduzierte: „Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte“ sowie „Du sollst denen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Matthäus 22; 37, 38.)

Es war dies die Blossstellung und Verurteilung der grundlegenden Häresie, mit der Leviten und Pharisäer das Gesetz im Verlauf der Jahrhunderte in sein Gegenteil verkehrt hatte. Das Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ findet sich zwar schon im Buch Leviticus (3. Mose 19; 18), doch unter dem „ Nächsten“ war einzig und allein der Mitjude zu verstehen. Jesus stellte die frühere, in Vergessenheit geratene Tradition der Liebe zum Nächsten unabhängig von seiner Rasse oder seinem Glauben wieder her; hierin lag ganz offensichtlich der Sinn Seines Ausspruchs: „Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, sondern zu erfüllen.“ (Matthäus 5; 17.) Er fügte hinzu: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.“ (Matthäus 5; 43, 44.)

(Spitzfindige Kritiker wenden hier ein, das Gebot, seinen Feind zu hassen, finde sich im Alten Testament nirgends, doch ist klar, was Jesu mit dem betreffenden Satz meinte: Die unzähligen im Alten Testament verzeichneten Aufrufe zum Massenmord an Menschen, die nicht zu den „Nächsten“ zählen, beruhen auf nacktem Hass.)

Es war dies eine direkte Herausforderung des Gesetzes in seiner von den Pharisäern verkörperten Form. Eine weitere Herausforderung lag darin, dass es Jesus bewusst ablehnte, die Rolle des nationalistischen Befreiers zu spielen, der sich anheischig machte, den Judäern das ihnen verheissene Territorium untertan zu machen. Hätte er sich hierauf eingelassen, so hätte er sicherlich weit mehr Anhänger gewonnen, und die Pharisäer hätten sich womöglich hinter ihn gestellt. Doch seine Absage an jede Form weltlicher Macht hätte schroffer kaum ausfallen können: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“(Johannes 18; 36.) „Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe nachgraben und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht nachgraben noch stehlen.“ (Matthäus 6; 19-20.)

Jedes dieser einfachen Worte war eine implizite, aber unmissverständliche Herausforderung an die mächtigsten Männer, die es damals im Lande gab, und erschütterte die Religion, welche die Sekte im Verlauf von Jahrhunderten geschaffen hatte, bis in ihre Grundfesten.

Was das Alte Testament auf Hunderten von Seiten gelehrt hatte, widerlegte die Bergpredigt in einigen wenigen Sätzen. Sie stellte dem Hass die Liebe, der Rache die Barmherzigkeit, der Bosheit die gute Tat, der Abgrenzung die Nächstenliebe, der Diskriminierung die Gerechtigkeit, der Entstellung des Gesetzes seine Wiederherstellung und dem Tod das Leben entgegen. Sie begann (wie gewisse Kapitel des Deuteronomium) mit Segenssprüchen, liess diesen aber keine Flüche folgen.

Das Deuteronomium lockte mit materiellen Gütern wie Land und Beute als Belohnung für die strenge Befolgung Tausender von „Geboten und Urteilen“, von denen manche den Mord befahlen. Die Bergpredigt versprach keinen irdischen Gewinn, sondern lehrte einfach, dass moralisches Verhalten, Demut, das Streben nach Gerechtigkeit, Gnade, Reinheit, Friedfertigkeit und Charakterstärke um ihrer selbst willen Segen und reichen geistigen Lohn erbringen würden.

Im Deuteronomium pflegten sich Segenssprüchen Flüche anzuschliessen. Die Bergpredigt enthielt keine Drohungen; sie verlangte nicht, Übertreter des Gesetzes zu steinigen oder an einen Baum zu hängen, und lehrte nicht, gewisse Verstösse gegen das Gesetz könnten gesühnt werden, wenn man seine Hände im Blute einer jungen Kuh bade. Das Schlimmste, was dem Sünder zustossen konnte, war, „der Letzte im Himmelreich“ zu sein; die schönste Belohnung, auf die der Tugendhafte hoffen durfte, bestand darin, „im Himmelreich gross genannt zu werden“.

Der junge Galiläer predigte niemals Unterwürfigkeit, sondern lediglich innere Demut, und in einem Punkt war und blieb er unerbittlich: In seinen Angriffen auf die Pharisäer.

Wie bereits erwähnt, bezeichnete das Wort „Pharisäer“ jemanden, der sich von unreinen Personen oder Dingen fernhält. Die Jewish Encyclopedia schreibt: „Lediglich in bezug auf den Umgang mit der unreinen und ungewaschenen Menge unterschied sich Jesus klar von den Pharisäern.“ In diesem „lediglich“ offenbarte sich jedoch ein gewaltiger Unterschied – die unüberbrückbare Kluft zwischen der Vorstellung von einem Stammesgott und jener von einem Gott aller Menschen, zwischen dem Credo des Hasses und jenem der Liebe. Jesus hatte den Pharisäern den Fehdehandschuh hingeworfen, und sie hoben ihn unverzüglich auf, indem sie Ihm allerlei Fallen stellten:

„Und da Jesus von dannen ging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hiess Matthäus; und sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm. Und es begab sich, als er zu Tisch sass im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und sassen zu Tische mit Jesus und seinen Jüngern. Da das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isset euer Meister mit Zöllnern und Sündern?“ Nach dem pharisäischen Gesetz war letzteres eine schwere Sünde. Doch Jesus zeigte sich seinen Widersachern im Streitgespräch sehr wohl gewachsen:

„Da das Jesu hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. [...] Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.“ (Matthäus 9; 9-13.)

Die Pharisäer beobachteten Ihn und die Seinen weiterhin mit Argusaugen. Einmal sahen sie, wie Seine Jünger am Sabbat Aehren ausrauften (was ebenfalls einen Verstoss gegen das Gesetz darstellte) und sprachen: „Siehe, deine Jünger tun, was am Sabbat nicht erlaubt ist.“ Auch diesen Vorwurf vermochte Jesus mühelos zu kontern: „Habt ihr nicht gelesen, was David tat, da ihn und die mit ihm waren hungerte? Wie er in das Gotteshaus ging und ass die Schaubrote, die er doch nicht durfte essen noch die, die mit ihm waren, sondern allein die Priester?“ (Matthäus 12; 2-4.) Immer wieder stellten die Pharisäer Ihm Fangfragen, die sich freilich niemals auf Glauben und Moral, sondern stets nur auf den Ritus bezogen: „Warum übertreten Deine Jünger die Satzungen der Aeltesten? Sie unterlassen die Waschung der Hände vor dem Essen?“ Ein weiteres Mal parierte Jesus die Anklage mit dem Hinweis auf eine Stelle im Alten Testament: „Ihr Heuchler, gar fein hat Jesaja von euch geweissagt und gesprochen [Jesaja 29; 13]: Dies Volk ehrt mich mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist ferne von mir; vergeblich dienen sie mir, weil sie lehren solche Lehren, die nichts als Menschengebote sind.“ (Matthäus 15; 8, 9.)

Somit stellte Jesus klar, dass „das Gesetz“ nicht Gottes Gesetz, sondern das Gesetz der Leviten und Pharisäer, also Menschengebot war. Fortan war jeglicher Kompromiss ein Ding der Unmöglichkeit. Jesus „rief das Volk zu sich und sprach zu ihm: Höret zu und fasset es! Was zum Munde eingeht, das macht den Menschen nicht unrein; sondern was zum Munde ausgeht, das macht den Menschen unrein.“ (Matthäus 15; 10, 11.) Mit diesen Worten bekundete Jesus seine Geringschätzung für eines der am eifersüchtigsten gehüteten Vorrechte der Priesterschaft, die Festlegung der Speisegesetze mit ihren Schlachtritualen, dem Ausblutenlassen der Schlachttiere, der Definition von reinen und unreinen Speisen etc. All dies war für ihn „nichts als Menschengebote“, obwohl es Moses zugeschrieben wurde und die Pharisäer der strikten Befolgung der Speisegesetze höchste Bedeutung beimassen. Wie erinnerlich hatte der Prophet Hesekiel, dem Jahwe befohlen hatte, zur Sühne für die Verletzung des Gesetzes durch das Volk auf Menschenkot gebackenes Brot zu essen, darauf hingewiesen, dass er sich stets streng an die Speisegebote gehalten hatte, worauf Jahwe seinen grässlichen Befehl abmilderte. Auch die Jünger standen anscheinend noch so sehr unter dem Einfluss der Speisegebote, dass sie nicht begriffen, weshalb nicht das, was zum Munde eingeht, sondern das, was vom Munde ausgeht, den Menschen unrein macht, und Jesus um eine Erklärung baten, da die Pharisäer an Seinen Worten „Aergernis genommen“ hätten (Matthäus 15; 12). Seine Antwort war für die Pharisäer abermals pure Häresie: „Merket ihr noch nicht, dass alles, was zum Munde eingeht, das geht in den Bauch und wird durch den natürlichen Gang ausgeworfen? Was aber zum Munde herausgeht, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein. Denn aus dem Herzen kommen arge Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Dieberei, falsch Zeugnis, Lästerung. Das sind die Stücke, die den Menschen unrein machen. Aber ohne Waschung der Hände essen macht den Menschen nicht unrein.“(Matthäus 15; 17-20.) Der letzte Satz war nach levitischem Gesetz ein weiterer schandbarer Frevel, und die Pharisäer „hielten Rat, wie sie ihn fingen in seiner Rede“ (Matthäus 22; 15). Sie ersannen zwei tückische Fangfragen, mit deren Hilfe sie ihn zu Fall zu bringen hofften.

Die erste dieser beiden Frage lautete wie folgt: „Sage es, ist es recht, dass man dem Kaiser Steuer zahle, oder nicht?“ (Matthäus 22; 17). Mit einem Nein hätte sich Jesus nach dem Gesetz der römischen Herrscher strafbar gemacht, und die Pharisäer hätten ihn unweigerlich bei der Besatzungsmacht denunziert.

Diese Methode ist noch heute, im 20. Jahrhundert, gang und gäbe. Wer sich an öffentlichen Debatten beteiligt, weiss, dass die Gegenseite regelmässig hinterlistige Fangfragen vorbereitet, die man in der Hitze des Gefechts oft nicht oder nicht korrekt beantworten kann. Gewiefte Diskussionsredner kennen verschiedene Kniffe, mit denen man sich um die Beantwortung solcher Fragen drücken kann, beispielsweise indem man „Kein Kommentar“ sagt oder mit einer Gegenfrage kontert. Eine tatsächliche und vollständige Antwort zu erteilen, anstatt zu solchen Ausflüchten zu greifen, und dabei seinen Grundsätzen treu zu bleiben, ist eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt. Sie verlangt unerhörte Schlagfertigkeit, Geistesgegenwart und gedankliche Klarheit. Die Antwort, die Jesus auf diese Frage der Pharisäer gab, war dermassen grossartig, dass kein sterblicher Mensch hoffen darf, es ihm gleichzutun:

„Da nun Jesus merkte ihre Bosheit, sprach er: Ihr Heuchler, was versuchet ihr mich? [...] So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Da sie das hörten, verwunderten sie sich und liessen ihn und gingen davon.“ (Matthäus 22; 18-22.)

Die zweite der beiden tückischen Fangfragen wurde von einem Schriftgelehrten gestellt, der von Jesus wissen wollte, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erlangen. Als Jesus antwortete, er solle Gott von ganzem Herzen lieben und seinen Nächsten wie sich selbst, doppelte der Schriftgelehrte mit der nächsten, scheinbar harmlosen, doch in Wahrheit höchst verfänglichen Frage nach: „Wer ist denn mein Nächster?“

Welcher sterbliche Mensch hätte so geantwortet wie Jesus? Gewiss, der eine oder andere Sterbliche hätten die Frage nach bestem Wissen und Gewissen beantwortet, obgleich er sich klar darüber war, dass er dadurch Kopf und Kragen riskierte; Märtyrer hat es schliesslich immer gegeben. Doch Jesus tat weit mehr als dies: Er entwaffnete den Frager wie ein erfahrener Fechter, der seinem Widersacher den Degen mühelos aus der Hand schlägt. Der Schriftgelehrte wollte ihm die Aussage entlocken, auch der Heide sei ein „Nächster“, was einem Verstoss gegen das Gesetz gleichgekommen wäre. In der Tat antwortete Jesus in diesem Sinne, doch so, dass der Schriftgelehrte nichts dagegen einzuwenden vermochte. Weder zuvor noch später dürfte ein Schriftgelehrter je derart elegant schachmatt gesetzt worden sein!

Laut levitisch-pharisäischer Lehre war nur der Judäer ein „Nächster“, nicht aber der Heide, und aus bereits früher erwähnten Gründen galten die Samariter den Pharisäern als die verächtlichsten unter allen Heiden. Allein schon die Berührung durch einen Samariter wurde als Verunreinigung eingestuft, die nach dem Gesetz ein kompliziertes Säuberungsritual erforderte. Dass Jesus bei dem Gleichnis, in das er seine Antwort kleidete, die Rolle des „Nächsten“ ausgerechnet einem Samaritaner zuwies, zeugte von ungeheurer Kühnheit und war ein wahrhaftig übermenschlicher Geniestreich:

„Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und gingen davon und liessen ihn halbtot liegen. Es begab sich aber von ungefähr, dass ein Priester dieselbe Strasse hinabzog; und da er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit; da er kam zu der Stätte und sah ihn, ging er vorüber. Ein Samariter aber reiste und kam dahin; und da er ihn sah, jammerte ihn sein, ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm und hob ihn auf sein Tier und führte ihn in einer Herberge und pflegte sein. Des anderen Tages zog er heraus zwei Silbergroschen und gab sie dem Wirte und sprach zu ihm: Pflege sein, und so du was mehr wirst dartun, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme. Welcher dünkt dich, der unter diesen dreien der Nächste sei gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war?“ (Lukas 10; 30-36.)

Der in die Enge getriebene Schriftgelehrte brachte das verhasste Wort „Samariter“ nicht über die Lippen und antwortete einfach: „Der die Barmherzigkeit an ihm tat.“Hierdurch verurteilte er unfreiwillig jene, in deren Namen er sprach, nämlich die Priester und die Leviten. Nachdem Jesus den Schriftgelehrten auf diese Weise gezwungen hatte, die bodenlose Heuchelei des Gesetzes blosszustellen, mahnte er ihn: „So gehe hin und tue desgleichen“. (Lukas 10; 37.)

Ein gemässigter jüdischer Autor, C. G. Montefiore, beklagt in seinem 1892 erschienenen Buch Religion of the Ancient Hebrews, dass Jesus eine Ausnahme von seinem Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ gemacht habe, indem er nie ein gutes Wort für die Pharisäer fand. Die Wissenschaftler mögen über diesen Punkt debattieren. Jesus wusste, dass die Pharisäer Ihn sowie jeden anderen, der sie entlarvte, umbringen würden. Es trifft durchaus zu, dass Er die Pharisäer (und mit ihnen die Schrifgelehrten) härter als jede andere Menschengruppe angeprangert hat, weil er in ihnen offensichtlich die für die Pervertierung des Gesetzes verantwortliche Sekte sah. Die unerbittlichste Verurteilung, die Er je ausgesprochen hat, lautet wie folgt:

„Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr seid gleichwie die übertünchten Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat. So auch ihr; von aussen scheint ihr von den Menschen fromm, aber inwendig seid ihr voller Heuchelei und Übertretung. Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Propheten Grabmäler baut und schmücket der Gerechten Gräber und sprecht: Wären wir zu unsrer Väter Zeiten gewesen, so wären wir nicht mit ihnen schuldig geworden an der Propheten Blut! So gebt ihr über euch selbst Zeugnis, dass ihr Kinder seid derer, die die Propheten getötet haben. Wohlan, erfüllet auch ihr das Mass eurer Väter! Ihr Schlangen, ihr Otterngezüchte! Wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?“ (Matthäus 23; 27-33.)

Manche Kritiker geben sich schockiert über die Härte der letzten Worte. Betrachtet man sie freilich in ihrem Zusammenhang mit den vorausgehenden Sätzen, so stellt man fest, dass sie eine deutliche Anspielung auf das bevorstehende Ende Jesu darstellen; hier spricht ein Mensch von seinen künftigen Mördern, und unter diesen Umständen konnten keine Worte hart genug sein. (Immerhin milderte er den furchtbaren Satz „Wohlan, erfüllet auch Ihr das Mass Eurer Väter!“ später mit den Worten ab: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lukas 23; 34.)

Die Dinge trieben nun rasch ihrem Höhepunkt zu. Es versammelten sich „die Hohenpriester und die Aeltesten des Volkes im Palast des Hohenpriesters, der da hiess Kaiphas, und hielten Rat, wie sie Jesus mit List griffen und töteten“. (Matthäus 26; 3, 4.) Der einzige Judäer unter den zwölf Jüngern, Judas Ischariot, „und mit ihm eine grosse Schar mit Schwertern und mit Stangen von den Hohenpriestern und Aeltesten des Volkes“ betraten den Garten Gethsemane, wo sich Jesus aufhielt. “Und der Verräter hatte ihnen ein Zeichen gegeben und gesagt: Welchen ich küssen werde, der ist's, den greifet. Und alsbald trat er zu Jesus und sprach: Gegrüsset seist du Rabbi! Und küsste ihn.“ (Matthäus 26; 47-49.)

Es lohnt sich durchaus, für einen Augenblick bei diesem Judas zu verweilen. Im 20. Jahrhunderte wurde er zweimal zum Heiligen verklärt, zuerst nach der bolschewistischen Revolution in Russland und dann nach Hitlers Niederlage in Deutschland. Diese beiden Fälle zeigen, dass die Sekte, die zu Beginn unserer Zeitrechnung in Jerusalem mächtiger gewesen war als Rom, im Zwanzigsten Jahrhundert im abendländischen Kulturkreis abermals die stärkste Macht darstellte.

Laut dem Matthäus-Evangelium hat sich Judas bald nach seinem Verrat erhängt, und wenn er die Todesart der „von Gott Verfluchten“ wählte, kann ihm seine Tat schwerlich Glück gebracht haben. Für zionistische Historiker vom Schlage Dr. Kasteins ist Judas eine sympathische Gestalt; Dr. Kastein erklärt, er sei ein guter Mensch gewesen, der von Jesus enttäuscht gewesen sei und deshalb „heimlich mit ihm gebrochen“ habe (der Ausdruck „heimlich brechen“ kommt nur in der zionistischen Literatur vor).

Die Pharisäer, die den Sanhedrin kontrollierten, urteilten als erste über Jesus; Er stand also vor dem, was man heute als „jüdisches Gericht“ bezeichnen könnte, obwohl der Ausdruck „Volksgericht“ wohl passender wäre; schliesslich war Er von einem Denunzianten an seine Häscher verraten, von einem Mob ergriffen und vor ein Gericht gezerrt worden, das keine legale Befugnis zu Seiner Aburteilung besass, und das gegen Ihn verhängte Todesurteil beruhte auf den Aussagen falscher Zeugen, die Ihn erfundener Verbrechen bezichtigten.

Die „Aeltesten des Volkes“, welche den Gang der Ereignisse genau so lenkten wie in unseren Tagen die „Berater“ der nominellen Herrscher, konstruierten nun eine Anklage, die sowohl nach judäischem als nach römischem Gesetz nur das Todesurteil zur Folge haben konnte. Nach mosaischem Gesetz hatte Jesus gefrevelt, indem er sich als Messias bezeichnete; nach römischem Gesetz hatte er sich des Hochverrats schuldig gemacht, indem er vorgab, der König der Juden zu sein.

Der römische Landpfleger Pilatus tat, was er konnte, um den Forderungen der wutschnaubenden „Aeltesten des Volkes“ nach der Hinrichtung des Angeklagten nicht stattgeben zu müssen.

Dieser Pilatus war der Prototyp der britischen und amerikanischen Politiker des 20. Jahrhunderts. Er fürchtete die Macht der Sekte mehr als alles andere. Seine Frau bat ihn, Jesus zu verschonen. Wie ein echter Politiker versuchte er die Verantwortung auf einen anderen abzuwälzen, nämlich Herodes Antipas, den Tetrarchen von Galiläa, dessen Untertan Jesus als Galiläer war, aber Herodes „sandte ihn wieder zu Pilatus“ (Lukas 23; 11). Nun liess Pilatus Jesus geisseln, in der Hoffnung, damit werde sich die Menge zufriedengeben; „die Juden aber schrieen und sprachen: Lässt du diesen los, so bist du des Kaisers Freund nicht“ (Johannes 19; 12), was der kaum verhüllten Drohung gleichkam, den Landpfleger beim römischen Kaiser anzuschwärzen. Angesichts dieser Drohung strich Pilatus die Segel, so wie ein britischer Gouverneur nach dem anderen und ein UN-Botschafter nach dem anderen angesichts der Drohung, ihn in London oder. New York anzuschwärzen, die Segel gestrichen hat. Genau wie diese Männer neunzehn Jahrhunderte später wusste Pilatus offenbar, dass ihn die Regierung, die ihn als Landpfleger nach Judäa entsandt hatte, seines Amtes entheben würde, wenn er nicht tat, was von ihm verlangt wurde.

Die Aehnlichkeit zwischen Pilatus und gewissen britischen Gouverneuren der Zwischenkriegszeit ist fürwahr verblüffend. Zumindest einer dieser Gouverneure muss sich dessen bewusst gewesen sein, denn als er sich telefonisch mit einem mächtigen zionistischen Rabbiner in New York in Verbindung setzte, fragte er scherzhaft, ob der Hohepriester Kaiphas wisse, dass Pontius Pilatus am Apparat sei.

Pilatus versuchte die Verantwortung für den Tod Jesu den Juden anzulasten: „So nehmet ihr ihn hin und richtet ihn nach eurem Gesetz.“ Doch die Juden durchkreuzten dieses Ausweichmanöver mit Leichtigkeit: „Wir dürfen niemanden töten.“ (Johannes 18; 31.) Der Landpfleger unternahm einen weiteren Versuch, Jesus zu retten, indem er „dem Volk“ anheimstellte, ob es lieber Jesus oder den Raubmörder Barrabas begnadigen wollte. Seine Hoffnungen waren freilich vergeblich, denn „das Volk“ und „der Mob“ sind Synonyme, und der Mob lässt niemals Gnade walten, sondern tanzt stets nach der Pfeife der herrschenden Clique (was Pilatus wissen musste). In der Tat „überredeten die Hohenpriester und die Aeltesten das Volk, dass sie um Barrabas bitten sollten und Jesus umbrächten“ (Mätthäus 27; 20).

Ihre Fähigkeit, die Menschenmenge zu beeinflussen, hat die Sekte bis zum heutigen Tage beibehalten.

Je mehr diese Geschehnisse in die Vergangenheit entrücken, desto eindrücklicher wirkt dieser weltgeschichtlich einzigartige Schlussakt. Der Purpurmantel, das Rohr, dass man Jesus zwecks Nachäffung eines Szepters in die Hand drückte, die Dornenkrone und die spöttischen Ehrungen, die man Ihm zuteil werden liess – nur Pharisäerhirne konnten dieses makabre Ritual ersinnen, das den Sieg des Opfers heute um so grossartiger erscheinen lässt. Der Weg nach Golgatha, die Kreuzigung Jesu zwischen zwei Schächern waren der sichtbare Beweis dafür, dass Rom an jenem Tage Handlangerdienste für die Sekte verrichtete, so wie Persien fünf Jahrhunderte zuvor das Werk der Leviten verrichtet hatte.

Die Pharisäer hatten die Judäer gelehrt, einen Messias zu erwarten, und nun liessen sie den ersten, der den Anspruch erhob, der Messias zu sein, ans Kreuz schlagen. Dies bedeutete, dass der wirkliche Messias noch erscheinen musste. Laut den Pharisäern stand die Ankunft des Königs aus dem Hause Davids, der seinem Volk die Weltherrschaft bescheren würde, noch bevor, und hieran hat sich bis heute nichts geändert.

In seinem Buch, dessen Thema die Geschichte des Judaismus seit seinen Anfängen ist, widmet Dr. Kastein dem Leben Jesu ein Kapitel. Nachdem er dargelegt hat, dass Jesus ein Versager war, schliesst er seine Ausführungen mit folgenden, vielsagenden Worten ab: „Sein Leben und Tod sind unsere Angelegenheit!“

[1] Rabbiner Stephen Wise, während des Zeitraums von 1910 bis 1950 führender zionistischer Aktivist in den USA, bediente sich dieses Arguments aus offenkundigen politischen Gründen, nämlich zur Täuschung nichtjüdischer Zuhörer. Als er an Weihnachten 1925 bei einer „interkonfessionellen Veranstaltung“ in der Carnegie Hall eine Ansprache hielt, sagte er: „Jesus war ein Jude, kein Christ.“ Für diesen Ausspruch wurde er von der Gesellschaft orthdoxer Rabbiner der USA exkommuniziert, während ihn ein Verband christlicher Geistlicher als „Bruder“ willkommen hiess. Rabbi Wises Kommentar sprach für sich: „Ich weiss nicht, was schmerzhafter war: Die Tatsache, dass eine christliche Organisation mich als Bruder willkommen hiess und in ihrem Schoss aufnahm, oder der heftige Tadel der Rabbiner.“


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