Von Oliver Meiler, Singapur

«Wer regiert Thailand nach dem Tod Bhumibols? An der Königsfrage orientiert sich der Konflikt zwischen Gelb und Rot. Diskussionen über die Nachfolge gehören ins Register der Majestätsbeleidigung.»

Wer an Thailand denkt, der hat wohl ein samtenes und sanftes Bild vor sich. Ein blumiges und lächelndes. Thailand ist mit viel natürlicher Schönheit gesegnet, mit Stränden zum Beispiel, die unsere Sehnsüchte gerade im Winter nähren. Die menschliche Wärme der Thailänder wird gerne mit dem gelebten Buddhismus erklärt. Für viele Europäer ist Thailand ein vertrautes Land. Das belegen die Tourismuszahlen.

Doch die schöne Wahrnehmung ist freilich oberflächlich, klischiert und romantisiert. Und so dürften sich nun viele Besucher, die am internationalen Flughafen von Bangkok gestrandet sind, fragen, wie diese wild entschlossene Menge in gelben T-Shirts, die ihre Rückreise verhindert und trotzig beteuert, sie würde in den Tod gehen für ihren politischen Kampf, die sagt, sie gebe nicht eher nach, als der Premierminister zurückgetreten sei - wie diese Menge von Demonstranten zum liebevoll kultivierten Bild des friedvollen und sanften Thailänders passt.

Thailand ist ein kompliziertes und zerrissenes Land, verstrickt in kulturelle und regionale Widersprüche und geprägt von alten Tabus. Und manipuliert von Mächten, die einmal vor, einmal hinter den Kulissen agieren. Im Moment agieren sie versteckt. Alles scheint in der Schwebe, das ganze Schicksal des Landes. Spontan ist an dieser Krise nichts. Es findet eine epochale Weichenstellung statt.

Am kommenden Freitag wird die wahre und untertänig tabuisierte Hauptfigur im laufenden Machtkampf, König Bhumibol Adulyadej, 81 Jahre alt. Übersetzt heisst Bhumibol «Stärke des Landes». Niemand weiss, wie es um seine Gesundheit steht. Bei den jüngsten Auftritten wirkte der König zerbrechlich, greis, im Spätherbst des Lebens angekommen. Seit 62 Jahren sitzt er schon auf dem Thron. Er ist der dienstälteste Monarch der Welt und, nebenbei, offenbar auch der reichste.

Die allermeisten der 63 Millionen Thailänder haben keinen König vor diesem erlebt. Und obschon sich das Land eine konstitutionelle Monarchie nennt - Bhumibol «der Grosse» überstrahlt alles. Er lässt sich wie eine Gottheit verehren. Die Thailänder lieben ihren König. Und fürchten ihn. Wer ihn öffentlich kritisiert, kommt ins Gefängnis. Er gilt als höchste, als einzige moralische Instanz im Land. Er könnte, wenn er denn wollte, mit einem Wort die Blockade am Flughafen lösen - jetzt. Er tut es nicht, weil gerade die Weichen gestellt werden.

Was passiert beim Tod Bhumibols?

Was passiert, wenn er stirbt? Was kommt nach Bhumibol? Sein Sohn scheint als Nachfolger nicht geeignet zu sein. Er hat eine schillernde Reputation. Paul Handley schreibt in «The King never smiles», seinem Werk über das thailändische Königshaus, der Kronprinz habe mit seinen amourösen Eskapaden und fragwürdigen Geschäftsbeziehungen schon in den 80er-Jahren die Zukunft des Throns aufs Spiel gesetzt. Und die Töchter des Königs kämen nur in Frage, wenn es keinen männlichen Thronfolger gäbe.

Wer also regiert Thailand nach dem Tod Bhumibols? Das ist die grosse Frage, die Königsfrage. An ihr orientiert sich der Konflikt zwischen Gelb und Rot, auch wenn das in Thailand niemand offen zu sagen wagt. Diskussionen über die Nachfolge gehören ins Register der Majestätsbeleidigung.

Das gelbe Lager, die Flughafenbesetzer also und ihre Sponsoren im Hintergrund, vertreten das alte Bangkoker Establishment, das sich aus Monarchisten, Militärs, Magistraten und Mittelständischen zusammensetzt. Gelb ist die Farbe des Königshauses. Es ist diese Bangkoker Clique, die Thailand über die vergangenen Jahrzehnte hinweg fast ohne Unterbruch beherrscht hat. Nicht sehr demokratisch, auch wenn sie das gerne behauptete. Wenn sich Konkurrenz regte, trat das Militär aus dem Schatten und putschte - nicht weniger als 18-mal seit 1932.

Nun aber hat sich zum ersten Mal eine Konkurrenz richtig festgebissen. Das Lager mit den roten T-Shirts vertritt die Menschen im armen, bäurischen, wählerstarken Nordosten des Landes, die sich von der urbanen Elite lange Zeit wirtschaftlich und kulturell bevormundet gefühlt hatten. Thaksin Shinawatra war ihre Rache, er gewann ihre Stimmen. Der Unternehmer stieg nach der Asienkrise 1997 in die Politik ein, versprach dem Nordosten Millionenkredite, den Bauern ein Schuldenmoratorium und billige Arztbesuche für alle. Zweimal in Folge gewann Thaksin so die Wahlen, das zweite Mal, 2005, noch deutlicher als beim ersten Mal. Der Populist regierte autoritär und eigensinnig, er polarisierte das Land. Auch er war kein Demokrat.

Es hiess, er spiele sich als Rivale des Königs auf, er wolle die Republik. Das war wahrscheinlich nur Propaganda. Doch sie wirkte. 2006 putschte ihn das Militär weg. Das Establishment atmete auf. Doch bereits im vergangenen Dezember gewannen Thaksins alte Weggefährten erneut die Wahlen. Ohne Thaksin, der auf der Flucht vor der Justiz im Exil lebt.

Demokratie hat niemand im Sinn

Der Protest des gelben Lagers wendet sich seither gegen Thaksins regierende Statthalter. Die Volksallianz für Demokratie nennt sie «Marionetten». Demokratie hat aber auch sie nicht im Sinn. Sie möchte nur noch 30 Prozent des Parlaments vom Volk wählen lassen. So ist sich die Clique sicher, dass sie an der Macht bleibt, dass sie diese lästigen Wahlen nicht zu fürchten braucht. Das Volk im Nordosten, sagen die Gelben von den Roten und schüren damit den Hass, sei nicht gebildet genug, um richtig zu wählen. Sie nennen das «New Politics». Sie wollen sie schnell umsetzen, mit aller Macht, mit Blockaden und Strassenschlachten. Noch vor dem Tod des schweigenden Königs. Vor der grossen Ungewissheit.


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