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Der aktuelle Freitags-Kommentar der «Schweizerzeit» vom 22. August 2014

 

Ein Massstab fürs Bundeshaus?

Naturnahe Lachnummer

von Ulrich Schlüer, Chefredaktor «Schweizerzeit»


Bild: Nationalrat Geri Müller (parlament.ch)

Verschwinden und schweigen – das wäre die seinem etwas bizarren Hobby angemessene Reaktion gewesen. Aber Geri Müller will bleiben: Er wolle um das vermeintlich «vorübergehend» verlorene Vertrauen kämpfen.

Geri Müller – darin erstaunlicherweise von unserem Fernsehen unterstützt – glaubt an die Taktik öffentlich zelebrierter Zerknirschung. Er will seiner Entlassung aus der Politik entgehen, indem er sich in alle Stuben des Landes als Schwächen ausgelieferter Schuldiger outet. Er will uns via «Club» im Schweizer Fernsehen seine schwere Bürde mittragen lassen: Wie bedrückend es doch sei, Stadtpräsident zu sein. Er könne sich unter dieser Bürde kaum mehr in der Badi zeigen. Denn dort sähen ihn die Leute jetzt so, wie sich Putin abbilden lasse – mit entblösstem Oberkörper.

Ob solch Bekenntnis zur ihm aufgebürdeter Last seine Lust rechtfertigen soll, sich in seinen Arbeitsräumen anderswo zu entblössen?

«Ewiger Teenager?»

Doch zu der «Club»-Sendung ist auch ein Alles-Versteher aufgeboten worden: Die Öffentlichkeit wisse kaum, teilt dieser bedeutungsschwanger mit, dass Selbstentblössung unter Teenagern viel weiter verbreitet sei, als man sich dies gemeinhin vorstellen könne. Müssen wir daraus lernen, dass wir Geri Müller als gleichsam «ewigem Teenager» Verständnis entgegenzubringen haben? Hat denn der sich ewigem Teenagertum verschreibende Stadtpräsident nicht gelegentlich auch Bewerbungsgespräche mit Mitarbeitern – und -innen – für hohe Kaderstellungen zu führen? Man kann sich lebhaft vorstellen, welche Lachnummer er dabei abgibt…

Und überhaupt: Man habe sich endlich mit den Drahtziehern zu befassen, meint er. Mit jenen, die seine, Geri Müllers Lustbarkeiten den Medien zugetragen hätten.

Soll damit von der Lächerlichkeit des Entlarvten abgelenkt werden? Interessant übrigens: Im Bunde mit einem grünen Politiker haben gewisse Medien die Jagd nach echten oder vermeintlichen Drahtziehern unverzüglich und eifrig aufgenommen. Im «Fall Mörgeli», der sich weder Ehrenrühriges noch Fehlbarkeit vorwerfen lassen muss, prägt demonstrative Tatenlosigkeit die gleichen Medien, wenn die Öffentlichkeit gelegentlich auch Recherchen über Drahtzieherinnen und Drahtzieher von recht üblem Geschehen in Erfahrung bringen möchte.

Moralische Instanz

Im eidgenössischen Parlament stach Geri Müller bislang heraus als moralische Instanz. Immer und immer wieder wetterte er über die Unmoral politischer Haltungen anderer. Er macht sich gelegentlich – auf Steuerzahlers Kosten natürlich – gar zum Weltreisenden – als Aushängeschild moralischer Aussenpolitik der Schweiz. Selbst seine überaus enge Neigung zur Hamas rechtfertigt er mit weltpolitischer Moral.

Wir können uns lebhaft vorstellen, wie sich die Mienen der Zuschauer und Zuhörer im Nationalrat grinsend in die Breite ziehen, wenn Geri Müller nächstes Mal vom Nationalratspult aus demonstrativ die moralische Instanz dieses Landes auslebt. Doch: Nicht nur Geri Müller verkäme dabei zur Lachnummer. Die Schweiz könnte davon angesteckt werden.

Gab es kürzlich nicht eine Sekretärin, die – sich demonstrativ in Bundeshaus-Büros räkelnd – gleiche Leidenschaft der Öffentlichkeit preisgab, wie sie auch Geri Müller in seinen Amtsräumen heimzusuchen pflegte? Man hielt die Frau zwar nicht für gefährlich, wohl aber für einfältig, für höchstens «halbwegs gebacken».

Und suspendierte sie ohne Verzug. Mit breiter Zustimmung all jener, welche die Bundeskuppel nicht offensichtlicher Entwürdigung preiszugeben bereit sind.

Soll gleicher Massstab für Politiker unter der Bundeskuppel nicht gelten? Nur weil Geri Müller grün und damit Medienliebling ist, soll er dem ihm angemessenen Verdikt entgehen können?

Bleibt er, so mutiert er dank seiner politischen Färbung zur naturnahen Lachnummer. Ob Baden solche Bereicherung im örtlichen Stadthaus wohl zu schätzen weiss?

Ulrich Schlüer


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